Thema: Früchtchen

  1. #1
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    Früchtchen

    Leichte Ernte

    Ich pflücke mir vom alten Baum im Park,
    wenn ich in Stimmung bin, ein Früchtchen ab.
    Und werf's, wenn ich davon gegessen hab,
    zu jenen hin, die mir das Gras verbarg.

    Zu diesen habe ich mich nie gebückt.
    Und selten hab ich eines ganz verzehrt.
    Ich liebe - bleibt mir auch der Kern verwehrt -
    der Früchte Süsse, wenn sie selbstgepflückt.

    Erkenntnis wächst mir gleicherweise zu.
    Denn ich verschmähe sie, wenn sie in Ruh,
    doch vor der Zeit, im Gras für mich bereit.

    Sei mir die Eigenheit ein Fingerzeig.
    Bevor ich Vorrat raffend mich verneig:
    in Ruhe abzuwarten meine Zeit.

    ____________________________________
    Früchtchen (= erste Fassung)

    Ich pflücke mir vom alten Baum im Park,
    wenn ich in Stimmung bin, ein Früchtchen ab.
    Und werf's, wenn ich mich sattgesehen hab,
    zu jenen hin, die mir das Gras verbarg.

    Zu denen habe ich mich nie gebückt.
    Und selten hab ich eine Frucht verzehrt.
    Ich liebe - bleibt mir auch der Kern verwehrt -
    der Früchte Schein und: dass sie selbstgepflückt.

    Reich liegt Ernte in gräsernen Narben:
    Damit sollen wir Wuchern und Darben,
    weil wir Talent und Erkenntnis erben.

    Doch ich frag mich: was soll ich mich bücken ?
    Letztendlich würd ich mir nur den Rücken
    und meiner Muße die Lust verderben.
    Geändert von Erebus (16.11.2006 um 15:14 Uhr)
    .....
    D i e.....v e r s u c h t e.....W e l t ............
    ......a u s g e w ä h l t e .....T e x t e ......
    Alles ist Lüge an mir; aber dass ich zerbreche - diess mein Zerbrechen ist ächt! (Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra - Der Zauberer)

  2. #2
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    1.731
    Hallo greyzone,

    aus Zeitgründen nur zur Metrik:

    Ich pflücke mir vom alten Baum im Park,
    wenn ich in Stimmung bin, ein Früchtchen ab.
    Und werf's, wenn ich mich sattgesehen hab,
    zu jenen hin, die mir das Gras verbarg.

    xXxXxXxXxX,a
    xXxXxXxXxX,b
    xXxXxXxXxX,b
    xXxXxXxXxX.a

    Zu denen habe ich mich nie gebückt.
    Und selten hab ich eine Frucht verzehrt.
    Ich liebe - bleibt mir auch der Kern verwehrt -
    der Früchte Schein und: dass sie selbstgepflückt.

    xXxXxXxXxX,c
    xXxXxXxXxX,d
    xXxXxXxXxX,d
    xXxXxXxXxX.c

    Reich liegt Ernte in gräsernen Narben:
    Damit sollen wir Wuchern und Darben,
    weil wir Talent und Erkenntnis erben.

    XxXxxXxxXx,e
    XxXxxXxxXx,e
    xXxXxxXxXx.f

    Doch ich frag mich: was soll ich mich bücken ?
    Letztendlich würd ich mir nur den Rücken
    und meiner Muße die Lust verderben.

    XxXxXxXxXx,g
    XxXxXxXxXx,g
    xXxXxxXxXx.f

    In den letzten beiden Strophen hast du leider nicht mehr so sauber gearbeitet - verwunderlich denn eigentlich hätte das dir auffallen sollen. Eine der klassischen Formen, aber eben weichst du doch am Ende ziemlich von der Metrik ab und das trübt den Gesamteindruck. Die männliche Kadenz wirkt natürlich auch sehr restriktiv und teilweise merkt man das auch an deinen Zeilen. Die Idee ist nett, hat aber glaub ich noch Reserven.

    Alles in allem aber ein solides Werk, aber noch nicht der Weisheit letzter Schluss.

  3. #3
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    Leichte Ernte

    @Jamzee
    Hallo und Danke für den Kommentar.
    Du hast völlig recht, die beiden letzten Strophen waren allerdings vorschnell beschlossen. Neben der unsauberen Metrik empfand ich selbst die darin enthaltene Darstellung der Thematik und den Brückenschlag dorthin unbefriedigend gelöst.
    Ich habe alles nochmals überarbeitet; die strenge Form zwingt mich oft zu Wendungen, wie sie vorher gar nicht abzusehen waren. Das ist gleichermaßen nervig wie spannend.
    Zum Thema "Weisheit letzter Schluß" wäre natürlich viel zu sagen, das sei aber ausgeklammert.


    Nach dem Umbau passen Überschrift und Ressort nach meinem Empfinden nicht mehr. Sei's drum.

    Kommentare erwünscht !

    grey.zone
    .....
    D i e.....v e r s u c h t e.....W e l t ............
    ......a u s g e w ä h l t e .....T e x t e ......
    Alles ist Lüge an mir; aber dass ich zerbreche - diess mein Zerbrechen ist ächt! (Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra - Der Zauberer)

  4. #4
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    Hallo grey.zone,

    zu deinem Gedicht fallen mir spontan ein paar Sprichworte ein, zB "Gut Ding braucht Weile" (wegen des zweiten Terzetts) oder auch "Kommt Zeit, kommt Rat". Und genau hier hake ich inhaltlich ein: Denn du beschreibst, dass das lyr. Ich nicht Vorräte hamsternd auf dem Boden herumkriecht sondern sich nur hin und wieder mal eine Frucht vom Baum der Erkenntnis pflückt, wenn sie gerade eine braucht/will. Allerdings: Die Sprichworte, die ich genannt habe eben aufgrund deines zweiten Terzetts implizieren, dass es vernünftiger wäre für das lyr. Ich, wenn es sich unter den Baum legen und darauf warten würde, dass die Früchte von alleine herunterfallen, denn so fällt der Krafaufwand für das Pflücken weg.

    Inhaltlich ist also die erste Version stringenter, wenngleich metrisch und vor allem sprachlich natürlich die zweite Version viel besser ist. Sprachlich ist dein Gedicht sogar ein absolutes Highlight, gefällt mir außerordentlich gut. Nur inhaltlich habe ich, obwohl ich verstehe, worauf du hinaus willst, so meine kleineren oder größeren Problemchen.

    Viele Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

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