1. #1
    Registriert seit
    Dec 2005
    Ort
    Grevesmühlen
    Beiträge
    5.712

    Der Friedrich im Turme

    Der Friedrich im Turme

    Steine fliegen, Leiber liegen,
    Feenstaub verbiegt die Luft,
    allerfeinste Asbestspäne,
    Blei durchtrübter Sommerduft.

    Irre wutverzerrte Fratzen,
    wirrer wild gewachsner Wein…

    Doch wo bleibt der Blick
    fürs Verstorbene,
    für Bierbäuche und Mundgeruch?


    Am breiten Bach
    sitzt das Asketenbübchen
    und schluchzt.


    Es leidet an Jahren
    die waren,
    die kommen und gehen,
    zu nah zum Verstehen,
    zu fern zum Verweilen
    sie eilen dahin
    ich spinn.

  2. #2
    Registriert seit
    Nov 2006
    Ort
    somewhere over the rainbow
    Beiträge
    9
    hi Woitek

    Ist ja ganz nett gedichtet, aber ich werd einfach nicht draus schlau! Vielleicht willst du mir ja erklaeren, wo die zusammenhaenge der strophen sind! ansonsten stimme ich dir zu, du spinnst! (nicht boes gemeint, nur wer kommt schon auf solche gedankenwege)

    pc sis
    Mit dem Rauchen aufzuhoeren ist kinderleicht.
    Ich hab es schon 100x geschafft.

  3. #3
    Registriert seit
    Dec 2005
    Ort
    Grevesmühlen
    Beiträge
    5.712
    Hallo sis,

    ich danke dir herzlich fürs Lesen und Kommentieren.

    Ist ja ganz nett gedichtet
    danke
    aber ich werd einfach nicht draus schlau
    schade
    Vielleicht willst du mir ja erklaeren, wo die zusammenhaenge der strophen sind!
    Nun, sie stehen untereinander...innerhalb eines Textkomplexes...
    ansonsten stimme ich dir zu, du spinnst!
    ich soll mich im Auftrag des lyr. Ichs auch hier bedanken
    nicht boes gemeint, nur wer kommt schon auf solche gedankenwege?
    ich

    Liebe Grüße
    Woitek

  4. #4
    Registriert seit
    Mar 2006
    Ort
    Wo ist hier?
    Beiträge
    1.711
    Aloha Woitek!

    Endlich servierst du wieder etwas Sülze, mit der ich sofort etwas anfangen kann. Ernsthaft: Irgendwie hast du ein Händchen dafür, Themen aufzugreifen, die mir gerade erst durch den Kopf gegeistert sind.

    Nun, dann will ich mir das Ganze mal genauer anschauen.

    Also der Titel sagt mir jetzt erst einmal wenig. Wenn hier ein bestimmter Friedrich gemeint ist, dann wüsste ich nicht welcher und auch wäre ich mir nicht sicher, ihn eindeutig im Text ausmachen zu können. (Oder ist das LI hiermit gemeint?) Mal abgesehen vom "Asketenbübchen", aber das befindet sich nicht im Turme, sondern am Bach. Wobei man einen Turm ja auch mit Isolation/Überblick/Weitsicht assoziieren kann. Wodurch sich hier kein direkter Wiederspruch ergeben würde, wenn man davon ausginge, es handele sich dabei um Friedrich. Friedrich kommt aus dem Althochdeutschen von fridu = Friede / rihi = reich und mit dieser Namensbedeutung, lässt sich ja vielleicht eine Verbindung oder auch ein Gegenpol zum Text erkennen. Denn in den ersten Versen habe ich den Eindruck, dass es sich trotz des "Feenstaubes" um eine Kriegsszenerie handelt.

    Während ich mir den formalen Käse zu Gemüte führe, merke ich, dass du hier erstaunlich viele Alliterationen verwendest, Gereimtes sowie Ungereimtes und vor allem Gegensätze. Besonders interessant gestaltet sich hier die Metrik. Ein paar Variablen gibt es meiner Ansicht nach durch die einsilbigen Wörter, doch habe ich hier mal verXt, wie ich das sehe.

    XxXxXxXx
    XxxXxX
    XxXxxXxx
    XxXxXxX

    XxXxXxXx
    XxXxXxX

    XxXxX
    xxXxx
    xXxXxXxX

    xXxX
    xXxXxXx
    xX

    xXxxXx
    xXx
    xXxxXx
    xXxxXx
    xXxxXx
    xXxxX
    xX

    Also dieser Text wirkt auf mich unregelmäßig, aber nicht arrhythmisch. Vor allem im letzten Abschnitt findet man ja eine klare rhythmische Struktur.

    Auffallend sind die unterschiedlichen Schriftarten/-größen im dritten und vierten Abschnitt, ich interpretiere das folgendermaßen: sie stehen mit den anderen Abschnitten nicht auf einer inhaltlichen Ebene. Jedoch verträgt sich diese Ansicht nicht mit dem Rückbezug im letzten Abschnitt durch das Personalpronomen "Es" (für Asketenbübchen).

    Also bisher habe ich ein paar Ahnungen, aber ganz durchblicke ich es (so scheint's) doch nicht.
    Zitat Zitat von Woitek
    Steine fliegen, Leiber liegen,
    Feenstaub verbiegt die Luft,
    allerfeinste Asbestspäne,
    Blei durchtrübter Sommerduft.
    Wie schon gesagt, eröffnet sich mir hier ein kriegsähnliches Bild, wobei ich den Feenstaub immer noch nicht einzuordnen vermag.
    Zitat Zitat von Woitek
    Irre wutverzerrte Fratzen,
    wirrer wild gewachsner Wein…
    Es sind viele "r"s im ersten Vers anzutreffen, was in meinen Augen/Ohren den Inhalt unterstützt, bei dem es um Wut vllt. sogar Hass geht. Ein Anblick der sich auch gut in das vorangehende Kriegsbild einfügen lässt. Der zweite Vers will sich mir da nicht erschließen. Wieso Wein? Was will der denn hier? Und die Punkte da hinten dran, hmm.
    Zitat Zitat von Woitek
    Doch wo bleibt der Blick
    fürs Verstorbene,
    für Bierbäuche und Mundgeruch?
    Der von mir als besonders empfundene Part dieses Textes. Der Leser wird gefragt, warum es am Blick (für mich in diesem Fall auch das Mitgefühl) für die Schwäche der Menschen mangelt. Die Frage impliziert auch die Aufforderung, sich mit den Unzulänglichkeiten eines jeden (auch seiner selbst) auseinander zu setzen. In diesem Kontext betrachtet, bietet sich da auch noch eine etwas andere Perspektive, und zwar verschwinden im Krieg die angesprochenen Aspekte schon fast in der Unerheblichkeit. Wer schert sich noch um Mundgeruch, wenn es darum geht den eigenen Arsch zu retten? Das Verstorbene ist hier
    ganz bewusst gewählt, weshalb ich ein wenig zögere. (schließlich hätte es auch heißen können 'Doch wo bleibt der Blick für Verstorbene, für Bierbäuche und Mundgeruch') Was ist gemeint? Das Leben rückt so ins Zentrum des Interesses, dass das Tote scheinbar unwichtig wird.
    Zitat Zitat von Woitek
    Am breiten Bach
    sitzt das Asketenbübchen
    und schluchzt.
    Interessant ist die Wortverknüpfung "Asketenbübchen", die ein ganz eigenartiges Bild vor meinem geistigen Auge entstehen lässt. Ein kleiner Junge, der enthaltsam lebt. Auf was verzichtet ein Kind freiwillig in einer Notsituation, wie ein Krieg eine ist? Gewaltaskese? Ich vermute, dass dieses Kind weint, weil es eben diesen vermissten Blick noch hat.
    Zitat Zitat von Woitek
    Es leidet an Jahren
    die waren,
    die kommen und gehen,
    zu nah zum Verstehen,
    zu fern zum Verweilen
    sie eilen dahin
    ich spinn.
    Hier möchte ich bemerken, dass die etwas inkonsequente Interpunktion im Gegensatz zur metrischen Struktur steht und dadurch (die fehlende Interpunktion) zusätzlich ein paar inhaltliche Unklarheiten auftreten. Genau genommen hat der Satz drei Subjekte ("es"/"sie"/"ich"), was schon ein wenig verwirrend ist. Einerseits verstehe ich, dass der kleine Junge (immer) leidet und das vermutlich nicht zuletzt deswegen, weil er nicht versteht, was bei diesem Krieg vor sich geht und warum er überhaupt stattfindet. Andererseits verstehe ich nicht ganz, weshalb die Zeit zu fern ist. Heißt das, dass gerade weil er die Zeit (Jahre) nicht versteht, er sich auch nicht mit ihr identifizieren, geschweige denn sich in irgendeiner Form integrieren kann? "sie eilen dahin" ist mir ein bisschen zu allgemein, denn natürlich rast die Zeit und bleibt nicht stehen, doch was tut das hier zur Sache? Und noch viel weniger begreife ich den Sinn von "ich spinn", denn entweder 'ich glaube, ich spinne' und dann ist es ein Zeichen von Ungläubigkeit respektive Nicht-wahrhaben-wollen oder das LI spinnt tatsächlich und damit stellt sich mir die Frage, ob hier eine menschliche Eigenschaft auf dem Prüfstand steht. Denn selbst wenn das hier alles frei erfunden ist, dann heißt das ja nicht, dass sich so etwas ähnliches nicht irgendwo abspielt, abgespielt hat oder abspielen wird.

    So ein Rumgeiere! Also rein logisch kommt bei mir weitaus weniger an als emotional. Da kapiere ich irgendwie mehr. Naja, vielleicht spinne ich ja auch und habe mich total verzettelt.

    Liebe Grüße
    Geändert von Francine (20.11.2006 um 16:20 Uhr)
    Now, for the Poet, he nothing affirmeth, and therefore never lieth:
    for as I take it, to lie, is to affirm that to be true, which is false.

    An Apology for Poetry - Sir Philip Sidney


  5. #5
    Registriert seit
    Dec 2005
    Ort
    Grevesmühlen
    Beiträge
    5.712
    Liebe wolle77,

    ich weiß gar nicht, wie ich dir für deine ausführliche und professionelle Analyse meines eher dadaistisch konzipierten Textes danken soll. Ich weiß, du bist bei meinen Texten bisher gewohnt gewesen, dass jedes Sinnbild, jeder Gedanke in Form und Inhalt, sowie sprachlicher Gestaltung wohl durchdacht ist. Und so stehst du nun du armer Tor am Ende deiner Analyse da und bist so schlau wie zuvor.

    Nun, Autor soll es eigentlich nicht machen, aber ich denke in diesem Fall bin ich dir schuldig dir die Entstehung zu entwurzeln.

    Entstanden ist der Text bei meinem Aufenthalt in Hohenfels, ich schrieb dir per PN davon.

    Steine fliegen, Leiber liegen,
    Feenstaub verbiegt die Luft,
    allerfeinste Asbestspäne,
    Blei durchtrübter Sommerduft.

    Irre wutverzerrte Fratzen,
    wirrer wild gewachsner Wein…
    So entstand vor allem dieser ersten Teil, der sich noch in 2 weiteren Strophen fortsetzte(also ansich ein abgeschlossener Text). Der "Feenstaub" stand hier als Metapher für das Surreale das der Szenerie innewohnte, ebenso der "wirre wild gewachsene wein" hier als Symbol für die urwüchsigen nur schwer steuerbaren Kräfte, die den Menschen ausmachen wenn Emotion über Ratio siegt.
    Doch wo bleibt der Blick
    fürs Verstorbene,
    für Bierbäuche und Mundgeruch?
    Nun der Text war fertiggestellt. Es ging bis zum Ende so weiter, völlig unreflektiert und unbesonnen. Doch im nachhinein, also außerhalb der Szenerie konnte das unreflektierte Subjekt reflektieren. So zerriss ich den Text einmal quer und klebte den oberen Teil auf ein anderes Blatt. Im folgenden Ansatz beginnt das Subjekt sich Fragen zu stellen, über die Dinge die vorher nicht bedacht wurden, sondern hingenommen.
    Am breiten Bach
    sitzt das Asketenbübchen
    und schluchzt.
    Nach Erkenntnisgewinn und Einsicht des LI (hier in der Tat sowohl das "ich" im letzen Vers, als auch das Asketenbübchen), erfolgt die emotionale Katharsis.

    Es leidet an Jahren
    die waren,
    die kommen und gehen,
    zu nah zum Verstehen,
    zu fern zum Verweilen
    sie eilen dahin
    ich spinn.
    Hier wird nochmals der Unterschied zwischen Wahrnehmung und reflektierenden Nachdenken geschildert. "ich spinn" ist wiederum eine Innensicht, die den Bezug zur Innensicht im ersten Textteil bildet, im Gegensatz zur Außensicht des neutralen Beobachters im Mittelteil.

    Ich hoffe der Text wird dir so um einiges verständlicher und freue mich, dass er emotional bei dir ankam.

    Liebe Grüße
    Woitek

  6. #6
    Registriert seit
    Mar 2006
    Ort
    Wo ist hier?
    Beiträge
    1.711
    Salut nochmal!

    Ich nehme dir doch meine missglückte Analyse nicht übel. Nur verhält es sich mit Interpretationen (anscheinend) so wie mit Blutanalysen, wenn man nicht genau weiß, wonach man sucht, dann wird man es auch nicht finden. Was die Inspirationsquelle anbelangt, war ich mir sogar ziemlich sicher, dass es sich um deine Hohenfelserlebnisse handelt. Doch der Musenfunke alleine reicht ja nicht, um ein interessantes und gelungenes Gedicht darzustellen. Sondern aus der Idee wird mehr, wird Botschaft oder Gefühl, wird Einsicht oder Wärme. Surreal mutete es mir alleine schon deshalb nicht an, da sich beim Thema Krieg so einiges Ungewöhnliche, ja Absurde, zutragen kann, ohne gleich unmöglich, fantastisch oder surreal zu wirken. Solange man den Hintergrund vor Augen hat. Wenn ich mir das Gedicht heute noch mal durchlese, entdecke ich zum Beispiel eine weitere mögliche "Tonart", es zu lesen. Ironisch. Tragisch ironisch. Der Feenstaub ist Irrsinnsausdruck und zugleich Zeichen der Unerträglichkeit der Realität. Ähnlich verhält es sich mit dem Wein und dem weinenden Asketenbübchen.

    Ich bin dir schon dankbar für den Stubser in deine Denkrichtung, doch finde ich, dass du nicht entgegen deines Willens die Entstehungsgeschichte hättest "entwurzeln" müssen. Denn schuldig bist du mir rein gar nichts. Schließlich mache ich das hier alles freiwillig und nicht dir zum Gefallen. Was ich jedoch auch denke, ist Folgendes: Gerade ein Vorteil in dieser Zeit und innerhalb dieses Mediums ist es doch, das der direkte Kontakt und Dialog mit dem Urheber möglich ist und bei Verständnisschwierigkeiten nützlich und hilfreich sein kann. Es sei denn, man guckt anderen Menschen einfach gerne beim Stolpern zu.

    Herzlichst
    Now, for the Poet, he nothing affirmeth, and therefore never lieth:
    for as I take it, to lie, is to affirm that to be true, which is false.

    An Apology for Poetry - Sir Philip Sidney


Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Friedrich Wolf
    Von Elektra im Forum Gesellschaft
    Antworten: 21
    Letzter Beitrag: 26.12.2013, 23:27
  2. An Friedrich
    Von 101010 im Forum Von User für User
    Antworten: 17
    Letzter Beitrag: 19.03.2011, 15:45
  3. Oben auf dem Turme
    Von RitterKunibert im Forum Hoffnung und Fröhliches
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 09.11.2007, 14:50
  4. Am Turme / fortsetzung
    Von mattock im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 05.03.2007, 19:43
  5. Am Turme / Droste-Hülshoff
    Von Pleis im Forum Bibliothek - Interpretationen und Gespräche
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 19.08.2003, 21:46

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden