1. #1
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    Weiß & Schwarz

    Träge Bäuche, fett und groß,
    jammernd, keuchend im Palast,
    schauen fern, des andren Not,
    fühl’n sich besser und autark.

    Alte Bräuche, schweres Los,
    schweißgebadet von der Last,
    flehen täglich um ihr Brot.
    Heute war ein guter Tag.

    Pralles Leben ohne Neid,
    angesichts des Sonnenscheins.
    Herr schick uns Barmherzigkeit!
    Preiset ihn, heut war’s nur eins.

    Wohl verdient geht’s in Pension.
    Ausgedünnt ist die Region.
    Kinder, wie die Zeit vergeht.
    Andre sind vom Wind verweht.






    Laut Wikipedia.de starben im Jahr 2005 insgesamt 69 Menschen, davon 11 Kinder, pro Minute an Hunger.
    (Du wärest nicht der Strassenreimer,
    wenn am Ende noch ein Vogelzwitschern zu hören gewesen wäre,
    eher hätte dir der fliegende Freund auf den Kopf gemacht.) Tessa

    Stolpersteine (alles aus Reimerhand)

  2. #2
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    Hallo Strassenreimer,

    ich bin hier gelandet wegen deiner "Beschwerde", dass dies Gedicht noch keinen Kommentar abbekam? Das Thema ist klar das irrsinnige Nebeneinander von Übersatten und elendig verhungernden Menschen.

    Träge Bäuche, fett und groß,
    jammernd, keuchend im Palast,
    schauen fern, des andren Not,
    fühl’n sich besser und autark.

    Von so großer Not fühle ich mich wenn dann eher schuldig und doch auch irgendwie überfordert. Nimmt man die Haltung der Reichen Länder als Gesamtheit kann man den Eindruck gewinnen, dass die Auffassung herrscht der Reichtum sei unabhängig von der Armut der anderen. Die Festung und den Stand den reiche Gesellschaften entwickelt haben, beruht jedoch auch auf weit zurückliegender und noch betriebener Ausbeutung.

    Alte Bräuche, schweres Los,
    schweißgebadet von der Last,
    flehen täglich um ihr Brot.
    Heute war ein guter Tag.

    Das Problem dieser Länder, die mit so viel Armut und Not zu kämpfen haben sind ja nicht nur die weltpolitischen Gegebenheiten, sondern eben auch die Traditionen gegenüber der Verfassheit ihrer Staatsgebilde, die dem gegenüber noch relativ junge Insititutionen sind. Der Otto Normale dieser Länder arbeitet dermaßen hart, um sich und seine Familie satt zu bekommen, dass darüber hinaus kaum andere Ziele verfolgbar sind. Wenn es denn überhaupt Arbeit gibt und nicht der Arbeitgeber irgendeine militärische Gruppe ist. Krieg ist immer wieder ein scheinbarer Arbeitgeber.

    Pralles Leben ohne Neid,
    angesichts des Sonnenscheins.
    Herr schick uns Barmherzigkeit!
    Preiset ihn, heut war’s nur eins.

    Hmmmm bei der Strophe bin ich mir ganz unsicher wie das zu lesen ist. Bin mir über die vermutete Aussage, dass die Armut neidlos Ertragen wird unsicher? Glaube und Orientierung an Gott sind in den notleidenden Regionen mit Sicherheit stark ausgeprägt, aber die noch mal die Problematik zu spitzende Situation von Menschen, die versuchen der Armut zu entkommen in dem sie flüchten und Asyl suchen, gibt auch ein anderes Bild. Natürlich flüchten nicht alle und viele ertragen ihr leben, doch das findet leider auch häufig Ausdruck in Gewalt (organisiert wie häuslich) und Drogen, was auch eine Art von Flucht darstellt?

    Wohl verdient geht’s in Pension.
    Ausgedünnt ist die Region.
    Kinder, wie die Zeit vergeht.
    Andre sind vom Wind verweht.

    Gut gemacht mit welcher "Leichtigkeit" die erste und vierte Zeile diese satte und ignorante Haltung wiederspiegeln. Dieses Phrasenspiel mit "Kinder, wie die Zeit vergeht. Andere sind vom Wind verweht." ist bitter, aber so traurig wahr. Eigene Mitgefühlsbekundungen oder Schuldgefühle bringen da wenig, zeigen aber das man nicht völlig abgestumpft ist. Das eigene Leben ist nicht dermaßen davon berührt und so kann man auch gemütlich weiter seinen Alltag durchziehen. Oder eben auch nicht und mal mit ganz kleinen Dingen nen Anfang machen, einen Transfer Kaffee statt des normalen kaufen, ne Patenschaft übernehmen oder wo man kann Druck auf die eigenen Politiker ausübern. Es verändert nicht viel, aber es ist etwas das man tun kann. Das meiste wird von den notlleidenden Gesellschaften dennoch auch selber zu leisten sein. Paternalismus gibt es auch in den Hilfsangeboten. Ach je, dass ist echt so ein komplexes Feld...deswegen war ich mir bei dem Titel auch etwas unsicher! Ein nachdenkliches Thema ansprechend aufgearbeitet. Hab gerne drüber gelesen und kommentiert.

    Was mich jetzt nochmal im Nachhinein nachdenklich macht ist, dass du es unter Nachdenkliches postest und nicht unter Gesellschaft? Wir kommen bei dem Problem von Gerechtigkeit und Elend ja auch an die Grenzen unseres Verstandes, weil die Kausalketten so verwoben sind. Es gibt dafür keine einfachen schwarz - weiß Denkmuster, die helfen, statt dessen verfällt man ihnen sogar gerne allzu leicht...mich grüßt dann regelmäßig der Weltschmerz.
    Tja und dann wäre da noch der Unterschied der Hautfarbe...schwarz und weiß. Es spiegelt du einen gewissen Zynismus wieder, wie er sich einem aufdrängen kann.

    Gruß
    sora
    Geändert von sora (20.11.2006 um 09:13 Uhr)

  3. #3
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    Oh Sora!
    Sorry, ich habe dich völlig überblättert. Vielen Dank, dass du dich erbarmt hast, mal ein anderes Werk von mir zu Interpretieren. Ich möchte Dir auch meine Intension nicht verschweigen, da du dir so viel Mühe gemacht hast.

    Das ganze Gedicht soll den krassen Gegensatz aufzeigen. Wie Tag und Nacht, Süß und sauer und eben Schwarz & Weiß (dieses Mal Weiß & Schwarz, da ich ja von zumeist weißen Menschen anfange zu schreiben). Im einzelnen:

    Träge Bäuche, fett und groß,
    jammernd, keuchend im Palast,
    schauen fern, des andren Not,
    fühl’n sich besser und autark.

    Das Bild eines Wohlstandsmenschen, der, trotzdem er genug hat zum leben, noch jammert. Das Elend ist ja noch weit entfernt und wir denken nur allzu oft, dass es uns ja besser geht und so müssen wir nicht immer nur voller Neid zu den Reichen aufsehen, sondern können uns für einen Moment gut fühlen.

    Alte Bräuche, schweres Los,
    schweißgebadet von der Last,
    flehen täglich um ihr Brot.
    Heute war ein guter Tag.

    Ein Blick in die andere Welt, wo man um das Überleben kämpft. Die Ahnen hatten es schon nicht leicht und so vererbt man diese Plagerei weiter. Man betet, dass man seine Kinder satt bekommt, heute starb mal keines von ihnen, deshalb ein guter Tag.

    Pralles Leben ohne Neid,
    angesichts des Sonnenscheins.

    Zurück zum Wohlstand, der so groß ist, dass man eigentlich auf nichts neidisch sein brauch. Die Reichen haben eben ein pralles Leben, sei's weil man Daddys großzügiges Erbe genießt, oder am richtigen Ort zur richtigen Zeit war. So scheint jeden Tag die Sonne.

    Herr schick uns Barmherzigkeit!
    Preiset ihn, heut war’s nur eins.

    Ein Gebet der notleidenden Menschen, die eines ihrer Liebsten verlor. Kinder sind leider immer die Ersten, die von solcher Not betroffen sind.

    Wohl verdient geht’s in Pension.
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    Kinder, wie die Zeit vergeht.
    Andre sind vom Wind verweht.

    Hier ist jede Zeile ein Sprung zurück. Es ist schon ein Hohn, dass einige Menschen sich ihre Bäuche reiben und meinen, sie hätten sich es verdient wegen der jahrelangen Schufterei. Wogegen in einigen Regionen immer mehr Menschen jung sterben müssen. Wo in einigen Ländern die Menschen immer älter werden, da sind andere schon längst vergessen.

    Das Reimschema habe ich so gewählt, da es ausdrückt, dass die Armut und die Hungersnot immer näher kommt. Wie ich mitbekommen habe, geht es hier in Deutschland ziemlich schnell voran. Ich wollte mit diesem Gedicht niemanden anklagen. Das lag mir fern. Wie schon gesagt wollte ich einen krassen Gegensatz aufzeigen, der uns nachdenken lassen sollte. Nachdenken, wie gut es uns eigentlich geht. Und dass es viel schöner ist, jemanden in die Augen zu schauen, dem man gerade etwas Gutes getan hat, als jemandem, mit dem man feilscht. Das eigene Gefühl verrät uns, was richtig ist.
    Vielen, vielen Dank für deine Ausführliche Arbeit an diesem Werk, dass bestimmt nicht einfach zu lesen war. Ich weiß dieses zu schätzen, da ich mich oft auch nicht rantraue an solche Gedichte.
    Liebe Grüße vom Strassenreimer
    (Du wärest nicht der Strassenreimer,
    wenn am Ende noch ein Vogelzwitschern zu hören gewesen wäre,
    eher hätte dir der fliegende Freund auf den Kopf gemacht.) Tessa

    Stolpersteine (alles aus Reimerhand)

  4. #4
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    Lieber Reimer,
    bei deiner ersten S. mußt ich aber auch an unsere Art Weihnachten zu feiren denken.
    Wer kennt ihn nicht diesen Spruch: Puh ich hab viel zu viel gegessen, ich kann mich nicht mehr bewegen! Und dann das wohlbekannte Verdauungsschnäpschen zum Nachtisch gegen Völlegefühl. Was müsste das in den Ohren von hungernden Menschen nach Hohn klingen.
    Jedoch muß ich gestehen, dass auch ich micht hiervon nicht freisprechen kann... man geht zu den Eltern zum Weihnachtsessen, zur Schwiegermutter zum Kaffeetrinken mit viel zu viel Kuchen usw...

    So sind nicht nur die Sitten und Gebräuche in den armen Ländern für Hunger verantwortlich sondern auch wir für unsere sogenannten Zivilisationskrankheiten wie Diabetis und Herzinfarkt.

    Lieber Strassenreimer, da hast du dich an ein sehr "gewichtiges" Thema herangetraut. Danke für deinen Hinweis sonst hätte ich dich nicht gefunden

    Babsi

  5. #5
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    Hallo Badico!
    Dieses Gedicht soll um Himmels Willen kein Vorwurf sein, wir haben eben Glück, dass wir hier leben. Und das sollten wir genießen und nicht immer nur rumstöhnen. So war es gemeint. Wenn man natürlich etwas nachdenkt und spendet, um so erfreulicher. Aber so soll es nicht gemeint sein. Es ist vielmehr eine anklage an niemals Zufriedene, die alles haben um sich ein schönes Leben zu machen. Und diesen Gegensatz möchte ich ihnen vor Augen halten. Es ist hier vielleicht der falsche Platz, da wir Dichterkollegen ziemlich gleichgesinnt sind. Trotzdem brauchte ich eine Reaktion, ob es jemand versteht. Deshalb habe ich es hier reingestellt. Mal was anderes von mir. Sorry
    (Du wärest nicht der Strassenreimer,
    wenn am Ende noch ein Vogelzwitschern zu hören gewesen wäre,
    eher hätte dir der fliegende Freund auf den Kopf gemacht.) Tessa

    Stolpersteine (alles aus Reimerhand)

  6. #6
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    Jetzt erklär mir doch bitte mal wofür du dich entschuldigst?
    Deine Gesellschaftskritik ist gut zu verstehen und du hast dich, so finde ich, gut ausgedrückt. Das was ich geschrieben habe war nur ein Einwurf, eine Sache die mir zusätzlich aufgefallen war. Deine Beobachtung, dass viele Menschen immer jammern ist vollkommen korrekt. Ich habe schon mal überlegt ob es daher kommt, dass viele sich überfordert fühlen mit der Welt wie sie heute ist. Denn jemand der jammert wird nicht gefragt:kannst du mir mal helfen, könntest du das mal für mich erledigen, hast du einen Moment Zeit zum zuhören? Wir neigen dazu uns einzuigeln, my home is my castle, um alles was störend erscheint ausklammern zu können. Ich weiß, ich weiß, du wolltest nur die Gegensätze aufzeigen, aber das hier sind halt die Resultate meines Hirns nach deinem Denkanstoss. Gewöhne dich dran, denn ich denke das noch einige unterschiedliche Kommentare kommen werden, wenn unsere User dein Gedicht erst einmal entdeckt haben.

    Deine Babsi

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