1. #1
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    Wahrlich Gott ist tot

    Wahrlich Gott ist tot!
    Doch von neuem muss er stets getötet werden,
    denn dies Leid tut Not.

    Wahrlich allzu oft!
    Wird der Drang zur Wahrheit, durch das Sinnbedürfnis
    ohne Hemmung unterjocht.

  2. #2
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    Hallo Marco Rogato,

    erstmal welcome to the famous club, denn wir kennen uns ja noch nicht. Wünsche dir einen guten Start hier.

    Dein kurzes Gedicht beginnt mit dem apodiktischen Feststellung: "Wahrlich, Gott ist tot!"
    Nun, das mag jeder so sehen wie er es möchte, nur wissen wir ja, dass weder seine Existenz, noch seine Nichtexistenz mit wissenschaftlichen Mitteln bewiesen werden kann, und auch der berühmte erste christlich motivierte ontologische Gottesbeweis von Anselm von Cantaburry aus dem 11. Jahrhundert -wie im Übrigen auch alle folgenden- der die evidente Existenz aus rein kausalen Schlussfolgerungen und durch das Beobachten der natürlichen Erscheinungen ableitete, erwies sich später in der Zeit der Aufklärung als unhaltbar.
    Zitat aus Wikipedia:
    Der kausale Gottesbeweis geht davon aus, dass allem, was in dieser Welt existiert, eine Ursache zu Grunde liegt. Es ist also abhängig (kontingent). Da man die Reihe der Ursachen nicht unendlich fortsetzen kann, muss eine erste Ursache (causa prima) existieren.
    Aus nachvollziehbar trifftigen Gründen, die ich hier leider nicht darlegen kann, es würde jeden, nicht nur diesen Rahmen sprengen, muss das sog. höchste Wesen im Verborgenen bleiben, obwohl das auch nur auf jene zutrifft, die ihn noch nicht erkennen können, was wiederum seinen tiefen Grund hat....

    Aber zurück zum Gedicht.

    Dein LI schlussfolgert aus der These, Gott müsse immer wieder von neuem getötet werden, was natürlich nur im übertragenen Sinne zu verstehen ist, dass dieses Leid Not täte, doch wir erfahren nichts über die Stringenz dieser Aussage. Gibt es überhaupt eine solche, frage ich mal bescheiden an? Erstens könnte ein angenommenes allmächtiges rein geistiges Wesen niemals getötet, bestenfalls verleugnet werden, zweitens würde es niemals so etwas wie Leid oder Qualen erfahren müssen, es sei denn es wollte dies aus welchen Gründen auch immer freiwilig, und drittens gibt es keinen Grund, sich als Gott anders zu offenbaren als er es zu allen Zeiten und in jeder Nanosekunde bereits tut. Schau dich nur um, denn egal, was du auch wahrnimmst, jedes noch so kleine Staubkorn, ER ist es! Dass es logischerweise -immer noch von seiner Existenz ausgehend- außer diesem Wesen nichts anderes geben kann, dürfte evident sein, denn sonst müsste es ja mind. eine weitere Schöpferkraft geben.

    In S2 kommst du zu dem Schluss, dass der Drang zur Wahrheit einzelner durch das Bedürfnis der meisten Menschen nach einem höheren Sinn hemmungslos unterjocht wird, was insofern nicht stimmt als es so etwas wie Wahheit in einem relativen System wie dem Kosmos nicht geben kann, dort gibt es lediglich Axiome, Ansichten, Meinungen, Vermutungen und ungeheuer viele Thesen wissenschaftlicher Natur, und dies alleine schon deswegen, weil hier alles einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen ist, denn nichts, absolur gar nichts bleibt im gesamten Universum auch nur eine Sekunde lang unverändert, auch wenn es uns anders erscheinen mag. Eine endgültige Wahrheit kann es nur in einer Hemissphäre des Absoluten geben, also dort (ohne Ort) was wir bisher Himmel zu nennen pflegten, und selbst die wäre in alle Ewigkeit noch wandelbar, aber das ginge nun endgültig zu weit...

    Formal habe ich an deinem Gedicht nichts weiter auszusetzen, es ging mir hier ausschließlich um den Inhalt, die Aussage.

    lg crux

  3. #3
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    Hallo Marco Rogato

    Willkommen auf gedichte.com

    Da du neu bist im Forum, mache ich dich auf die Postingbegrenzung aufmerksam:
    Es ist nicht erlaubt, pro Tag mehr als 1 Gedicht zu posten.
    Sonst verdrängst du die ungelesenen Beiträge anderer User in den Hintergrund und du wirst auch selber eher weniger gelesen.

    Lies doch die allgemeinen Nutzungsbedingungen durch.

    Was zuviel gepostet wurde, verschiebe ich in den Hinterhof. Du kannst den Text gerne an einem anderen Tag erneut einstellen.

    yarasa / Moderatorin
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    aber vielleicht leckt das Gehirn so sehr, dass ich auch mal wieder dichtend unterwegs sein werde

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  4. #4
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    Salve Crux,

    Ich bin entzückt, dass meine sechs (vielleicht etwas provokativen) Zeilen eine derart wuchtige und fachmännische Reaktion hervorgerufen haben und es freut mich zu sehen, wie tiefsinnig einige User dieses Forums denken.

    Zum Verständnis des Gedichts:

    Die erste Zeile nimmt Nietzsches Behauptung „Gott ist tot“ auf und bejaht sie. Gottes Tod ist für mich die Erkenntnis seiner Nichtexistenz. Gott ist aus den Köpfen der Menschen verschwunden, sie brauchen ihn nicht mehr. Doch dieser gute Gott kehrt immer wieder in die sinnbedürftigen Köpfe zurück, von wo er wieder vertrieben werden muss. Mit „dies Leid“ ist das Leben gemeint und nicht etwa die Ermordung Gottes.
    In S2 geht es um zwei entgegengesetzte Triebe im Menschen. Einerseits ist er neugierig, möchte die Wahrheit wissen, andererseits sucht er verzweifelt nach einem Sinn in der Welt und verschliesst daher vor der Wahrheit die Augen und erfindet sich einen allmächtigen, gütigen Gott.

    Zu deiner Philosophie:

    Causa prima = Gott:

    Es sei mir erlaubt, hier mit Schopenhauers Philosophie zu argumentieren, welche mir als die mit Abstand am einleuchtendste und stichfesteste erscheint.

    Die Causa prima ist ein abstrakter Begriff, den wir uns konkret gar nicht vorstellen können. Genauso wenig wie wir uns ein Ende der Zeit oder des Raumes vorstellen können. Die metaphysische Substanz, das „Ding an sich“, ist also jenseits dieser Welt der Vorstellung zu suchen. Sie ist weder von Raum, Zeit noch Kausalität betroffen.
    Dass nun diese Substanz kein allwissender, gütiger Gott, sondern ein blinder erkenntnisloser Drang ist, ergibt sich für mich schon rein empirisch. Sie wird von jedem einzelnen in sich selbst als Wille erkannt. Ich will mich hier nicht weiter im Thema verlieren...

    Es gibt keine Wahrheit:

    Ich kann nicht verstehen, wie sich der Zeitgeist mit dieser Annahme infiziert hat. Wie kann man die Wahrheit leugnen, nur weil man sie nicht sogleich erkennt? „Es gibt keine Wahrheit.“ Wäre dieser Satz selbst nicht schon eine Wahrheit? "Das πάντα ῥεῖ", das „alles fliesst", dass du beschrieben hast, verhindert doch nicht die Wahrheit. Vielmehr ist es eine.

    Du sagst: Schau dich nur um, denn egal, was du auch wahrnimmst, jedes noch so kleine Staubkorn, ER ist es!
    Mit dieser Aussage wäre ich absolut zufrieden, würde es heissen: DU bist es! „Tat twam asi!“
    Aber auch dies führt hier zu weit...

    Nochmals Danke. Habe mich sehr über die professionelle Analyse gefreut!
    Gerne würde ich deine Kritik meiner dargelegten Philosophie erhalten.

    Grüsse MR
    Geändert von Marco Rogato (20.11.2006 um 23:52 Uhr)

  5. #5
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    ein ding... poste einfach nix neues und bitte nen mod diesen faden wieder zurückzuschieben denk mal da können einige was lernen... wow, ich bin ja nun total ungläubig aber das was ihr hier so von euch gebt macht echt neugierig...
    ah so... schickes werk übrigens . und sorry für im mülleimer posten...aber das hier musste ich einfach kommentieren ( der kommentare wegen)
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  6. #6
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    Wahrlich Gott ist tot!
    Doch von neuem muss er stets getötet werden,
    denn dies Leid tut Not.

    JaJa, der tolle Mensch.
    -Also welcher Gott ist tot ? Der aus dem Christentum oder des Islams oder der der nach meiner Vorstellung existiert?
    Also wenn Gott tot ist und trotzdem immer wieder neu getötet werden muss,
    frag ich mich ob er denn zwischen zeitlich wieder auferstanden ist.Ist dieser "Gott" also unsterblich?
    Also ist es der Glaube an eine "Intilligenz" die über uns Menschen steht die
    Tot sein soll?
    Die Bereitschaft einer "Unsichtbaren", "schöpferischen Kraft" sein Schicksal anzuvertrauen?
    Oder ist es die Idee an sich da könnte es etwas geben das über uns steht und/oder deren dasein wir letzlich verdanken ?
    Mich interressiert einfach die Definition des Wortes "Gott" aus deinen Versen.
    Und wenn sie so aussieht das es nur
    ein blinder erkenntnisloser Drang ist
    , eine dahinschwelgende "Form" von "Energie" (q.e.d), kann ich doch darin meine Hoffnung setzen und zum "Gott" machen.Weil siehe zu was dieser "erkenntnisloser Drang" fähig ist!

    Wahrlich allzu oft!
    Wird der Drang zur Wahrheit, durch das Sinnbedürfnis
    ohne Hemmung unterjocht.
    Alles hat doch seinen Sinn , da brauch ich doch kein Bedürfnis zu.
    Das Bedürfnis ist meiner Meinung nach vielmehr Folge und Grundlage eines vorangegangenem oder Folgendem Bedürnisses und so ebendas Sinn macht. Somit unterjocht es nicht die Warheit sondern führt auch mit zu Erkenntnisgewinn, denn Warheit ist alles.
    Hoffe ich wurde ein bisschen Verstanden, zu dem Thema kann man ja endlos diskutieren.

    ein ding... poste einfach nix neues und bitte nen mod diesen faden wieder zurückzuschieben denk mal da können einige was lernen... wow, ich bin ja nun total ungläubig aber das was ihr hier so von euch gebt macht echt neugierig...
    ah so... schickes werk übrigens . und sorry für im mülleimer posten...aber das hier musste ich einfach kommentieren ( der kommentare wegen)
    Dann heisst das Forum hier bald GedichteundPhilosophie.com


    ____________

  7. #7
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    @ All

    Ich werde hier bei diesem thread die totale Ausnahme machen.
    Da doch einige User sich hier an dieser intensiven Diskussion beteiligt haben - und wir Mods nicht aufgepasst haben, um euch früher auf die Sinnlosigkeit eures Schreibens hier im Hinterhof hinzuweisen - werde ich den Faden wieder verschieben; als 'heutiges' Gedicht.

    In aller Regel verbleiben verschobenen Fäden im Hinterhof und das Gedicht wird vom User neu eingestellt - der Hinterhoffaden wird gelöscht.

    verschoben
    yarasa / Moderatorin

    PS:
    Für eine Ausnahme kann man eigentlich gaaanz freundlich fragen - oder Marco
    Saitenweise Ideen
    aber vielleicht leckt das Gehirn so sehr, dass ich auch mal wieder dichtend unterwegs sein werde

    Eine Art Grundsatzpapier zu meinen Kritiken
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    Die Frederick-Maus hat mich schon als Kind nachhaltig verdorben. Von da an wollte ich Dichterin sein.

  8. #8
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    Hi zegovia,

    Der Schöpfergott der Optimisten ist für mich tot. Ob christlich, jüdisch oder islamisch spielt keine Rolle. Ja es ist, wie du sagst "der Glaube an eine "Intilligenz" die über uns Menschen steht, die tot sein soll.

    Wir haben hier die klassische Auseinandersetzung zwischen Optimismus und Pessimismus.
    Das Subjekt, das Individuum, empfindet dieses Leben natürlich als lebenswert, da es eben selbst dieser blinde, erkentnisslose Drang zum Leben ist. (Klar ist die Welt und ihre Lebewesen bisweilen auch schön anzusehen, nicht allerdings diese zu sein)
    Wir Menschen haben nun durch unseren Intellekt die Möglichkeit, die Welt objektiver zu betrachten. So erkennen wir, dass das Leben hauptsächlich aus Leid besteht und alle Genüsse nur negativer Natur sind. Denn jede Befriedigung des Willens ist nur vorübergehend.

    Es wird mir wahrscheinlich nicht gelingen, dich zu einem Pessimisten zu machen. Ob dies allerdings daran liegt, dass du die Welt und das Leben als etwas gutes, gerechtes und zu bejahendes erkannt hast, bezweifle ich sehr. Ist es vielleicht nicht doch das Bedürfnis?

    "denn Wahrheit ist alles" heisst für mich soviel wie es gibt keine Wahrheit. Womit ich nach oben verweise.

    Vielen Dank für deine Stellungnahme!

    Grüsse MR
    Geändert von Marco Rogato (21.11.2006 um 20:43 Uhr)

  9. #9
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    Dein Gedicht ist sicher durchdacht... nicht einfach zu verstehen, wenn man nie über die Theodizee-Frage (ich HASSE dieses furchtbare Wort!!) und verschiedene Gottesbeweise im Religionsunterricht gesprochen hat..

    Das alles kommt mir nämlich noch bekannt vor: Feuerbach, Nietzsche usw... *SCHÜTTEL*

    Aber daraus hast du was gutes "zusammengeschustert".. ^^ Weiter so!
    "Schreiben ist eine Kunst wie jede andere: der Künstler legt mit jedem neuen Wort ein Stück mehr von seiner Seele hinein; niemand kann mir erzählen, dass Schreiben ein Handwerk ist..."
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