1. #1
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    Schreie im Winter

    Schreie im Winter


    Hast dein Herz
    in Pergamentpapier
    eingepackt und
    danach behutsam
    in Chiffon gelegt.

    Es sei so
    zerbrechlich geworden
    sagst du noch,
    als du den Haustürschlüssel
    auf den Küchentisch legst.

    Wir versuchen uns
    mit Blicken noch einmal
    zu berühren,
    scheitern jedoch
    wie all die Jahre vorher auch.

    Wir sehen uns,
    sage ich.
    Bitte bleibe,
    schreit meine Seele.

  2. #2
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    Guten Morgen Michael

    Wunderschön traurig dein Gedicht.
    Wie oft sagt man nicht, was man eigentlich sagen möchte.

    Hat mir wirklich sehr gut gefallen

    liebe Grüße
    Shadow...
    neu: Düsteres Tal
    Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche bleibt den Augen verborgen.
    ( Der kleine Prinz, Saint Exupéry )


  3. #3
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    Hallo Michael Lüttke,

    Jetzt habe ich, um zu antworten, Dein Werk in "Trauer und Düsteres" gesucht und finde es doch bei "Liebe und Romantik"..

    "Hast dein Herz
    in Pergamentpapier
    eingepackt und
    danach behutsam
    in Chiffon gelegt."

    Das Herz wird hier -durchs Pergamentpapier- tatsächlich zu einem Stück Fleisch an der Theke. Pergamentpapier als eher trockenes, widerspenstiges Material.
    Das Bild eines (auch) durch die pergamentene Verpackung verletzten Herzens, das wiederum schonend in Chiffon gelegt wird, dieses Bild fasziniert.
    Die Pergament-Verpackung hebt die Wirkung des Chiffons auf: so wird keine Heilung, keine Schonung möglich, auch wenn dies die (verpackende) Absicht war.
    Die Ellipse stört mich, der dadurch herbeigeführte "knackige" Einstieg in die Verse hat m.E. keine Notwendigkeit.

    "Es sei so
    zerbrechlich geworden
    sagst du noch,
    als du den Haustürschlüssel
    auf den Küchentisch legst."

    Hier liegt für mich ein Problem: die erste Strophe ist nicht als wörtliche Rede gekennzeichnet, ich habe sie als inneres Zwiegespräch des LI empfunden. Befremdend für den so eingestiegenen Leser, dass das LD darauf - gekennzeichnet durchs "sagst du noch" im realen Dialog antwortet.
    Das "zerbrechlich" legt ein sprödes Herz nahe, dadurch hebt sich die Vorstellung des blutenden, weichen Herzens wieder auf. Darin zeigt sich zwar ein unterschiedliches Fühlen bezüglich des Herzens, und - wenn dies Deine Absicht ist, OK - für mich ist es irritierend.


    Wir versuchen uns
    mit Blicken noch einmal
    zu berühren,
    scheitern jedoch
    wie all die Jahre vorher auch.

    Das "noch einmal" ist für mich schwierig, da ich es so lese, dass es sich nicht auf den Versuch, sondern auf den tatsächlichen Blickkontakt bezieht. Dieser ist aber, wie ich im folgenden erfahre, immer gescheitert.

    "Wir sehen uns,
    sage ich.
    Bitte bleibe,
    schreit meine Seele."

    Ich weiß, dass hört sich jetzt vorwiegend krittelnd an, ist aber gar nicht so gemeint. Eigentlich finde ich Dein Gedicht schön, wenn es auch ein Ewigthema behandelt (das gehört natürlich zu meinen).

    Das erste Bild finde ich zudem wirklich hervorragend gelungen.
    Vielleicht könnte man das Gedicht etwas kürzen. (Ich merke an meinen Kommentaren, das ich überall kürzen will, ich hoffe, das ist kein Krankheitsbild.)

    So fände ich's auch noch verständlich, der Schrei käme klar und laut:

    "Du hast dein Herz
    in Pergamentpapier
    verpackt und danach
    behutsam
    in Chiffon gelegt.

    Wir sehen uns,
    sage ich,

    schreit meine Seele."

    Na, vielleicht wäre das denn doch zu kurz ?

    gruß

    grey.zone
    .....
    D i e.....v e r s u c h t e.....W e l t ............
    ......a u s g e w ä h l t e .....T e x t e ......
    Alles ist Lüge an mir; aber dass ich zerbreche - diess mein Zerbrechen ist ächt! (Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra - Der Zauberer)

  4. #4
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    Hm...
    Schön, schön. Du baust eine traurige Aufbruchsstimmung auf, "also, man sieht sich dann".

    Leider hab ich grade vergessen, was ich sagen wollte -
    aber ich denk drüber nach, und falls es mir wieder einfallen sollte, meld ich mich ganz bestimmt noch mal.

    Gern gelesen hab ich's auf jeden Fall.

    Liebe Grüße
    Veröffentlich wird jetzt schwarz auf weiß, auf echten Seiten. Infos auf meinem Blog.

  5. #5
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    hey..

    habe dein gedicht nur kurz überflogen aber als ich an die stelle

    Wir sehen uns,
    sage ich.
    Bitte bleibe,
    schreit meine Seele.

    kam, blieb glaube ich mein herz für 1sek stehen...
    wirklich ein sehr schönes gedicht !

    mfg, maurice.

  6. #6
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    Hallo,

    auch wenn du eher selten "metrische" Gedichte veröffentlichst, ist mir aufgefallen, dass du immer wieder wunderschöne und passende Worte findest um die Gefühle möglichst eindrucksvoll rüberzubringen. Der Leser kann sich somit sehr gut in das lyr. Ich hineinversetzen.
    Dies gelingt dir auch hier wieder
    Die 4. Strophe ist meiner Meinung nach ein sehr gelungener Abschluss.

    lg
    Suyari

    This is the day the Lord has made; let us rejoice and be glad in it.
    ~ Psalm 118:24


  7. #7
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    Guten Abend, Michael,
    Chapeau!
    Die vorgeschlagene Kürzung würde Dein Gedicht zu einem unzeitgemäßen Telegramm machen. Ich weiß nur nicht, ob Du -was ich Dir durchaus zutraue- so raffiniert bist, dass Du ausgerechnet "Pergamentpapier" zum Einpacken (da hätte ich, aber ich bin nicht Du, eher "eingewickelt" genommen) genommen hast, als Autor meine ich natürlich. Vielleicht neige ich dazu, etwas in Dein Gedicht hinein zu interpretieren, was gar nicht zu Deiner Intention passt. Du bist ja auch schlau genaug, erst einmal eine Menge Interpretationen abzuwarten, um dann wie ein mir mal bekannter Dichter verfuhr, zu sagen: Ja, stimmt. Erklär mir bitte, hast Du das Pergamentpapier als üblichen Ausdruck für ein knisterndes, halbdurchsichtiges Einpackungsmaterial genommen, oder verbirgt sich hinter dem Pergament (und das ist ja schließlich kein Papier, sondern ein teueres Tierhautprodukt, auf dem dann geschrieben wurde).
    Beste Grüße,
    heinzi

  8. #8
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    das pergamentpapier ist ein synonym für "Dünnhäutigkeit".
    es ist zwar verpackt, aber noch zerbrechlich ( das klappte nur mit pergament.

    dafür ist es anschließend noch in chiffon gelegt, um die zerbrechlichkeit des pergamentes aufzufangen.

    das gelingt auch nicht ganz, weil auch chiffon zu "dünnhäutig" ist


    michael

  9. #9
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    Guten Morgen, Michael
    merci, dann lag ich also gar nicht so verkehrt mit meiner Einschätzung.
    Gruß,
    heinzi

  10. #10
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    genau,
    darum habe ich das auch sofort geschrieben,
    weil ich mich tierisch gefreut ahbe, das jemandem die diskrepanz der materialien aufgefallen ist, wo
    sie doch so wichtig war für den text.
    aber leider werden die wichtigen sachen einfach oft "überlesen"


    michael

  11. #11
    Total Blackout Guest
    Ich muss auch sagen, dass speziell die letzte Strophe sehr schön geschrieben wurde. Ein klassisch abschluss eines klasse Gedichts. Mir gefällt auch diese traurige Stimmung, die du den Leser vermittelst! LG

  12. #12
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    ich danke dir.
    ich weiss nicht ob der text wirklich klassisch ist, wo
    doch klassische gedichte auf umgangssprache verzichten.


    michael

  13. #13
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    Hi Michael!

    Das ist einfach wunderschön zum Schlucken.

    Sonne

  14. #14
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    erstmal lieben dank.
    manchmal bin ich selbst erstaunt, dass mir
    auch in diesem genre was glückt.
    ich bin zwar viel sensibler als viele meinen, aber ich schreibe nicht so ganz gerne über die tiefsten gefühle der liebe.
    ich denke immer das man sich dabei zu sehr öffnet.

    michael

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