1. #1
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    Landschaft mit Mann

    Landschaft mit Mann


    Tausend Schatten ziehen über bemooste Steine.
    Blumen singen Lieder des verlorenen Glaubens
    und neigen sich dem Herrscher zu,
    der da steht, aufrecht jeder einzelne Knochen,
    und starrt.

    Gelb und grün, blau und rot, kräftig bis in die Spitzen
    huldigt das Land dem Einen,
    der mit einer einzigen Bewegung seiner stählernen Hand
    die Dunkelheit herbeiwinken kann,
    die das Land begräbt.

    Oh, ihr Kinder, wisst ihr nicht,
    dass man nicht im Freien spielen darf,
    wenn alles leuchtet?
    Schönheit ist trügerisch, denn unter ihr
    brodelt die Nacht, die dem Ahnungslosen gehorcht.

    Requiem für eine Blume, flüstert das Gras
    in den Wind, der stärker wird.
    Requiem für einen Baum, dessen knorrige Äste
    sich noch einmal Richtung Sonne strecken
    ehe sie verschwindet.



    Teil 1 von 2

    Zum zweiten Teil: Landschaft mit Frau
    Geändert von Roderich (21.11.2006 um 16:01 Uhr)
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

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  2. #2
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    Hallo Roderich,

    In den ersten zwei Zeilen entwirfst Du dem Leser ein Bild von Zeit, Vergänglichkeit und Verlust, vermittelst ein Gefühl von Erinnerung an Altvertrautes, das keinen Bestand mehr hat.
    Blumen im Mittelpunkt, die vielleicht für etwas anderes stehen, ihnen widerfährt der Verlust des Glaubens.
    In den drei folgenden Zeilen setzt Du die aktuelle Gültigkeit ihrer Unterwerfung unter etwas Herrschendes, das zwar der belebten Welt entsprang, jedoch distanzierte Macht und Starrheit ausstrahlt, die Szene beherrschend.

    Die Machtfülle dieses starrenden Etwas wird weiter ausgeführt, es besitzt eine stählerne Hand und ist in der Lage, das Licht zu löschen.

    Ich befinde mich als Leser in einer Landschaft mit einem großen Strommast, im Farbenspiel sehe ich zunächst die Vielfalt an Blumen, später, wenn sich mir die Bilder klären: Lichterketten.
    Kinderlockung im Spiel der Farben. Verführt durch Vordergründiges. Und die Vordergründigkeit als Willkürelement der Ahnungslosen, die ahnungslos sind, weil sie den Verlust des Glaubens bewirken, ohne ihn wahrzunehmen ?

    Mir geht die Lichterketten grelle Buntheit der Weihnachtszeit ein, vormals Glaubensträger, Verkörperung eines viel weiter Weisenden.
    Jetzt abschaltbar, Oberfläche, billiges Entertainment, Cocacolaglauben. Darin sehe ich die Gefahr der geistigen und seelischen Unterversorgung der Kinder Und Erwachsenen durch Hedonismus und Oberflächlichkeit, finde auch da Schlüssigkeit.
    In der letzten Strophe gesellt sich zu der prägnant schlichten, schönen und präzisen Sprache ein Fremdwort, das Requiem, die Totenmesse.
    Die Blume findet dadurch eine neue Bedeutung, sie könnte für den Menschen stehen, der noch den Glauben in sich trug.
    Den Baum vermag ich nicht recht unterzubringen, es sei denn, zur Verstärkung des Bildes, des Abgesangs, der aus der letzten Strophe zu mir spricht.
    Der Mann in der Landschaft ist für mich eigentlich sowohl Gegenstand des Gedichtes (als Blume) wie vor der Szene stehendes lyrisches Ich.
    Ein Abgesang auf den Glauben, der in der energieabhängig aufgezogenen Scheinwelt der Konsumgesellschaft keine Zukunft zu haben scheint ?

    Die Bilder sind schön. Zeit in den ziehenden Schatten, singende Blumen, Farbigkeit bis in die Spitzen.
    Gesetzt den Fall, ich habe mich zurechtgefunden...
    Ich halte die Thematik für eine Bildhafte Darstellung für sehr schwer. Aber gut gelöst.

    Ich habe mich gerne mit Deinem Gedicht zusammengefunden, und bin gespannt auf weitere Kommentierungen

    Ulrich
    .....
    D i e.....v e r s u c h t e.....W e l t ............
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  3. #3
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    Hallo Ulrich,

    wow, was für ein Kommentar! Vielen herzlichen Dank dafür. Ich bin erstaunt, wie treffsicher du mit deiner Interpretation bist, denn fast alles, was du mir da aufschlüsselst, hatte ich beim Schreiben auch so im Sinn. Respekt!

    Mit deinem Fazit triffst du allerdings meine Intention nicht so ganz, was aber erst ersichtlich wird, wenn du dir den zweiten Teil dazu, der das Ganze abschließt, nämlich Landschaft mit Frau ansiehst. Dann wird auch klarer, dass der Mann in diesem Gedicht nicht unbedingt das lyr. Ich ist sondern mehr bildhaft gemeint ist und für einen bestimmten Menschentypus steht.

    Aber sonst, die Detailaufbröselungen sind wirklich exzellent und es freut mich ungemein, dass ich mich in der doch sehr bildhaften, expressiven Sprache mitteilen konnte.

    Viele Grüße

    Thomas
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  4. #4
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    Hallo Thomas,

    ja, in meinem Fazit bin ich zu weit vorgeprescht, ein LI ist in dem Gedicht ja garnicht auszumachen.
    Ich hatte den starken Wunsch, den Mann in Landschaft auch tatsächlich im Gedicht ausfindig zu machen – und ich bin sicher, Du hast ihn dort auch hingestellt - allein, ich kann ihn für mich nicht finden (es sei denn in der bereits gennanten Weise)
    Der Hinweis auf einen Menschentypus erschwert mir offen gestanden die Fahndung...
    Mir selber sind schon Strommasten wie menschliche Figuren erschienen, z.B. in Frankreich gibt’s sogar welche mit Hut, jedoch scheint mir das zu sinnfällig.

    Ich habe selbstverständlich schon mehrfach die „Landschaft mit Frau" gelesen, habe mich mit einer Kommentierung zurückgehalten, die ich jetzt aber auch dort versuchen will

    Gruß

    Ulrich
    Geändert von Erebus (01.12.2006 um 18:57 Uhr)
    .....
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  5. #5
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    Hallo Ulrich,

    vielen Dank für deine Rückmeldung. Der Mann in der Landschaft ist tatsächlich da, er wird sogar explizit erwähnt, nur halt nicht als Mann bezeichnet. Ebenso verhält es sich mit der Frau in "Landschaft mit Frau".

    Ich hoffe, ich habe ein wenig Licht ins Dunkel bringen können. Ansonsten einfach noch mal nachfragen.

    Viele Grüße

    Thomas
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