1. #1
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    Landschaft mit Frau

    Landschaft mit Frau


    Die Stahlskelette ragen klagend in die Nacht,
    zeugen von Verderbtheit und Angst,
    der Furcht des Menschen vor Vergänglichkeit.
    Heulend die Geister der Vergessenen,
    Stimmen aus dem kargen Beton

    durch Ritzen, durch Spalten, durch Staub und durch Dreck
    durchdringen das karge Gestrüpp
    der botanischen Leichen, die wie Grabsteine
    um einen gebrochenen Willen drapiert sind.
    Wie einsam ist alles.

    Doch seht nur das Licht, das sich bündelt,
    sich sammelt um eine Figur, die Hoffnung bedeutet.
    Sie wandelt einer Grazie gleich
    durch die zerbrochene Welt und knüpft sie zusammen,
    Knoten für Knoten im strahlenden Schein.

    Weiche, Dunkelheit, vor den Träumen der Welt,
    die noch übrig geblieben sind im staubigen Chaos,
    noch nicht zwischen die Zähne der Nacht geraten.
    Ein einzelner Grashalm wagt sich hervor,
    dort, in einem zierlichen Fußabdruck.



    Teil 2 von 2

    Zum ersten Teil: Landschaft mit Mann
    Geändert von Roderich (21.11.2006 um 16:45 Uhr)
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  2. #2
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    Hallo Thomas,

    Aus der „Landschaft mit Mann“ kommend finde ich mich hier beim ergänzenden Gegenstück ein.
    Schon beim ersten Lesen fällt auf, dass die vier Strophen zwei aufeinanderfolgende Paare bilden.

    Auf Anhieb scheint hier in S1 und S2 eine eindringliche Fortführung der dort erzeugten Bilder stattzufinden. Dies empfinde ich so, als ob die Landschaften mit Mann bzw. Frau nicht zeitparallel sonder nacheinander stattfinden.

    Die „Frau“ wird also als später empfunden, als Fortsetzung des „Mann“
    (ich schreib das mal Kürze halber so, gemeint sind immer die Gedichte)
    Stahlskelette, die klagend in die Nacht ragen – ich übertrage den Strommast aus dem „Mann“ und komme zu dem Schluss, der Arm hat sich tatsächlich bewegte.
    Sie zeugen für das Ende einer Entwicklung aufgrund Verderbtheit, Angst und Furcht vor Vergänglichkeit.
    An dieser Stelle würde ich die fehlende Demut vor dem Leben sehen, und das Ignorieren der eigenen Kleinheit (?).

    In S2 wird nun tatsächlich ein Requiem zelebriert, jedoch in einem Totenreich, alles Leben ist aus dem Bild entwichen. Dieses „wie einsam ist alles.“ Empfinde ich – obwohl es beinahe wie eine Phrase klingt – als sehr eindringlich.

    Doch seht nur das Licht, das sich bündelt,
    sich sammelt um eine Figur, die Hoffnung bedeutet.
    Sie wandelt einer Grazie gleich
    durch die zerbrochene Welt und knüpft sie zusammen,
    Knoten für Knoten im strahlenden Schein.

    Weiche, Dunkelheit, vor den Träumen der Welt,
    die noch übrig geblieben sind im staubigen Chaos,
    noch nicht zwischen die Zähne der Nacht geraten.
    Ein einzelner Grashalm wagt sich hervor,
    dort, in einem zierlichen Fußabdruck.


    In S3 und S4 tritt nun die Frau auf, es fokussiert sich die Betrachtung auf Ihre Grazie, aus der sich Hoffnung und Heilung herleiten, Weiche und Dunkelheit als bergende Orte – die noch nicht zwischen die Zähne der Nacht gerieten.
    Die belebende Kraft aus dieser Erscheinung ist derart, das sogar der Fußabdruck lebensspendend ist.

    Hier allerdings erkenne ich eine sprachliche Inkonsequenz, denn Dunkelheit ist ja auch ein Synonym für die Nacht. Ich weiß: es wird mit "Dunkelheit" eine bergende, hüllende Unergründbarkeit beschrieben, es ist aber missverständlich.
    Die Frau als Hoffnung, als Rettung.
    Der Mann sinnentleert, abhängig von der belebenden Kraft aus dem Eros ?

    Dies ist wohl eine sehr männliche Sicht, im Eigentlichen eine tiefe Liebeserklärung an das weibliche Geschlecht. Aber auch gefährlich, wenn der Anspruch auf Ausschließlichkeit gestellt wird.

    Ich denke, wenn ich mit meiner Kommentierung einigermaßen richtig liege, dass dieses Werk schwierig zu ergründen ist.
    Das erste Gedicht ist für mich aussagekräftiger, denn ich finde den „Mann“ nicht, aber den Menschen (in den Blumen). Durch Teil 2 wird Teil 1 „verfeinert“ im Grunde geht es immer noch um den Mann, der Rettung findet ? Dies spiegelt sich dann auch wieder durch die Wahl unterschiedlicher Rubriken -
    worin ich ein schönes Spiel mit den Möglichkeiten sehe.

    Jetzt höre ich lieber auf, bevor ich mich in irgendeine Felswand kommentiert habe und weder vor noch zurück kann.


    Gruß

    Ulrich
    Geändert von Erebus (24.11.2006 um 22:30 Uhr)
    .....
    D i e.....v e r s u c h t e.....W e l t ............
    ......a u s g e w ä h l t e .....T e x t e ......
    Alles ist Lüge an mir; aber dass ich zerbreche - diess mein Zerbrechen ist ächt! (Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra - Der Zauberer)

  3. #3
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    Hallo Roderich,

    habe bisher den "Mann" noch nicht gelesen und enthalte mich daher vorerst einer Interpretation.

    Muss aber dringend!!! loswerden, dass die von dir gezeichneten Bilder hervorragend gelungen sind. Respekt!
    Man kann die "Endzeitstimmung" fast greifen und ist hocherfreut über das zauberhafte Wesen, das Licht und Leben in diese Welt bringt.

    Die erste Strophe ist aber wirklich außergewöhnlich stark. Die könnte ich immer wieder lesen

    Gruß

    Garahn
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    Halte inne, um zu leben.

  4. #4
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    Hallo Thomas,

    du betitelst dein wahrlich düsteres Gedicht mit dem Begriff der Landschaft..., obwohl schon in S1 die Rede von Stahlskeletten und Beton ist, worunter man sich eher urbane Strukturen vorstellt, während "Landschaft" bei mir mehr außerstädtische Naturbilder erzeugt, aber das nur am Rande, denn dein Werk fasziniert mich in zweifacher Hinsicht. Einmal wegen der wortgewaltigen starken Bilder, die gleich in S1 apokalyptische Assoziationen hervorrufen, was in S2 noch verstärkt wird. Zum anderen hat mir der abrupte Übergang ab S3 von einer desolaten bis morbiden Szenerie in das mit dem Begriff des Lichts konnotierte Prinzip der Hoffnung gut gefallen, welches in S4 dann als einzelner Grashalm dargestellt, das Keimen neuer Hoffnung stark symbolisiert.

    Ohne Kenntnis des Gegenstücks: Landschaft mit Mann, dem ich mich später noch zuwenden werde, komme ich hier zu dem Ergebnis, dass du der Düsternis und dem Chaos, dieser Endzeitstimmung, symbolisiert durch das männliche Prinzip, dass hoffnungsbringende und weiblich konnotierte entgegensetzen wolltest.

    Dein Werk konnte mich restlos überzeugen und hat in deiner persönlichen Rangliste ganz sicher einen sehr hohen Stellenwert.

    Liebe Grüße
    crux

  5. #5
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    Hallo ihr,

    sorry, dass ich erst so spät antworte, aber in der letzten Zeit hatte ich viel anderorts zu tun, da kam das Internet ein bisschen zu kurz. Vielen Dank für eure umfangreichen und so lobenden Kommentare, das freut mich sehr!

    @ Erebus (the artist formerly known as grey.zone): Wow, was für eine Interpretation! Den Zeitablauf hast du sehr richtig erkannt, auch die Paarbildung der Strophen. Zunächst als konsequente Weiterführung der "Landschaft mit Mann", dann der Hoffnungsschimmer am Horizont. Deshalb auch die unterschiedlichen Rubriken. "Fehlende Demut vor dem Leben" hast du auch sehr schön auf den Punkt gebracht, denn diese fehlende Demut war es, die Landschaft mit Mann erst so apokalyptisch gestaltet hat.

    Was den Anspruch an Ausschließlichkeit betrifft, so stelle ich diesen nicht. Wie ich schon beim "Mann" geschrieben habe - Mann und Frau sind selbst eher als Symbole für einen bestimmten Menschentypus zu sehen, der grundsätzlich in beiderlei Geschlecht vorkommt. Allerdings ist es tatsächlich so, dass ich in der Frau eher schöpferische und im Mann eher destruktive Kräfte sehe. Insofern ist die Liebeserklärung an das weibliche Geschlecht gar nicht mal so weit hergeholt. Doch können auch Männer weibliche Züge tragen und Frauen männliche Züge. Ich benutzte die Mann/Frau-Metapher lediglich zur deutlicheren Herausarbeitung dieses Kontrastes zwischen schöpferischer und zerstörerischer Kraft.

    Die Grundaussage meiner beiden Gedichte kann man vielleicht am besten folgendermaßen zusammenfassen: Dem Menschen (symbolisiert aus der Gesamtheit von Mann und Frau) ist es möglich, sowohl gestaltend und lebensspendend als auch zerstörerisch zu agieren - beide Möglichkeiten sind etwa gleich stark ausgeprägt, im Gesamten gesehen. Man sollte sich also seiner Möglichkeiten, die Welt zu verbessern, bewusst sein, dabei aber nicht aus den Augen verlieren, dass man destruktive Elemente mit sich trägt. Ich denke, dass sich diese beiden Seiten bei den meisten Menschen in der Waage halten, bei den einen schwingt jedoch das Pendel aus. In welche Richtung, das bestimmen Charakter, Erziehung, Wertesysteme, Erfahrungen, Selbstverständnis etc.

    @ Speedie: Du liegst keinesfalls meilenweit daneben, sondern vielmehr ziemlich auf einer Linie mit meiner Intention. Was deiner Interpretation noch fehlt ist die Zusammenführung der beiden Gedichte, aber das kannst du ja oben bei meiner Antwort zu Erebus' Kommentar nachlesen. Aber wieder einmal hat sich gezeigt, welch scharfsinnige Beobachterin du bist und ich freue mich sehr, dass du mein Gedicht kommentiert hast trotz der schwer zugänglichen Sprache, die ich im Übrigen an den Expressionismus angelehnt habe. Ob mir das auch geglückt ist, müssen andere beurteilen.

    @ Garahn: Auch dir vielen Dank für deinen netten Kommentar. Es freut mich sehr, dass das Gedicht bei dir so gut angekommen ist. Wenn du Lust hast, dann kannst du ja noch bei dem "Mann" vorbeischauen, der ja quasi die andere Seite der Medaille darstellt.

    @ Crux: Meiner Ansicht nach umfasst der Landschaftsbegriff auch eine künstliche Landschaft und damit auch urbane Strukturen. Aber das ist natürlich bloß persönliche Meinung und gerade zu diesem Thema hast du vermutlich weit mehr als ich zu sagen. Ich hoffe aber, dass ich nicht allzu verschwenderisch mit dem Landschaftsbegriff umgegangen bin und hier keine Grenze überschritten habe.

    Was deine Interpretation betrifft, so liegst du völlig richtig und das zeigt mir, dass trotz der massiven Sprachgebilde, die sich hier aufbauen mögen, doch eine gewisse Lesbarkeit erreicht wurde, was mich sehr freut. Denn oft können solche expressiven Sprachbilder auch nach hinten losgehen und man hat zwar eine Aneinanderreihung von schönen Phrasen, steigt aber nicht ganz hinter den Sinn (mir oft so ergangen bei Dylan Thomas, den ich in ein paar Jahrzehnten, wenn mein Wissensstand etwas breiter ausgebaut ist, noch einmal ansehen muss).

    Es freut mich sehr, dass dich mein Werk so überzeugen konnte und dass es in deiner persönlichen Bestenliste weit oben zu finden ist, ist eine ganz besondere Ehre. Vielen Dank dafür!

    Bei Gelegenheit kannst du dir ja auch noch mal die "Landschaft mit Mann" ansehen, das Gegenstück. Würde mich sehr freuen, wenn du dazu auch noch ein paar Worte verlieren könntest, denn immerhin gehören die beiden Gedichte zusammen.

    Viele Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


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