Thema: Bärenklau

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    Bärenklau

    Bärenklau

    Wie aus dem Wald herausgeschnitten liegt am Grunde des Tales eine Wiese in der Mittagssonne. An ihrem Rande, noch im Schatten der hohen Eschen, verläuft ein kleiner Bach.

    Den unteren Rand der Wiese begrenzend erhebt sich das alte Wehr. Seine Flanke zur sonnigen Wiese hin ist mit dickhalmigem Gras bewachsen, doch oben, auf dem gerundeten Rücken schimmert zwischen Wegerich der blanke Lehm, noch feucht vom letzten Regen und den taureichen Sommernacht.
    Spaziergänger gehen gerne, vom gut befestigten Waldweg kommend, die paar Schritte durch das raschelnde Laub den Hang hinab, um über den Wall zu den Resten eines eingestürzten Bauwerkes zu gelangen.
    Neugier und Abenteuerlust drängt besonders die Kinder hierher, um je nach Wasserstand, eine Durchquerung des Baches zu wagen.
    In dessen Mitte ragen die Trümmer einer Mauer hervor, die einst den Wasserlauf aufspaltend, eine gleichmäßige Strömung in die Rinne des alten Mühlgrabens leitete.
    An den gemauerten Rändern beiderseits des Durchlasses sind noch die Einkerbungen im Sandstein erkennbar, in denen vormals dicke Bohlen steckten, um den Wasserstand des Weihers zu regeln. Denn vor langer Zeit erstreckte sich dort, wo jetzt Schmetterlinge über dem meterhohen Gras in der Sonne gaukeln, ein kleiner See.
    Einzelne Abschnitte der wohl zwei Meter hohen Mauern haben sich im Laufe der Jahre aus der Befestigung gelöst und sind in den Wasserlauf gefallen, der hier ein wenig kraftvoller strömt.
    An diesen Stellen, durch nachrutschendes Erdreich abgeflacht, macht der Auf- und Abstieg zum Bachbett keine Mühe. Die Trümmer sind von Menschenhand so im Wasser verteilt, das es gelingt, mit wenigen weiten Schritten wohlbehalten ans gegenüberliegende Ufer zu gelangen.
    Dort weisen Spuren den wenig genutzten Weg weiter talabwärts, parallel zur längs trockengefallenen Rinne am Hang entlang. Der Bach sucht sich ab hier seinen eigenen Lauf, von jeder Einengung befreit zwischen Haselbüschen und Erlen hindurch. Am Talgrund zwischen Bach und Bäumen, ist der Boden dunkel und feucht und vereinzelt ragen größere Steine hervor. Zu beiden Seiten zieht sich ein alter Baumbestand aus Eschen, Eichen, Buchen und Ahorn die Hänge hinauf.

    Ein Kuckuck ruft schon die ganze Zeit, jetzt ziemlich nah, oben im Wald.
    Der Junge von vielleicht zwölf Jahren hält im Schritt inne, nicht wegen des Kuckucks, sondern um sich neu zurechtzufinden zwischen dem hohen Wildwuchs aus Gräsern, Brennnesseln und Weiderich. Nur wenige Schritte vom Bach entfernt, am Wiesenrand, stehen einige Gewächse, die durch ihre schiere Größe die Neugier wecken.
    Auf die Dolden der Riesengewächse scheint das Sonnenlicht, so dass sie sich hell vom belaubten Waldsaum abheben, die Stängel und Blätter liegen aber zum größten Teile dunkel im Schatten.

    Auf den Armen und Beinen des Jungen, der jetzt wieder zielstrebig die Wiese durchschreitet, haben sich die Samen von Gräser verhakt. Insekten jucken auf der verschwitzten Haut in der Junisonne.
    Er ist für sein Alter recht groß, hat einen kräftiger Wuchs, dunkelbraune Locken und braune Augen. Sein blau-weiß-rot geringeltes T-Shirt leuchtet in der Sonne. Die zentimeterbreiten Streifen erinnern ihn an Eis im Sommer, nicht an die französische Nationalfahne. Er trägt eine kurze Hose ohne Gürtel, aus feinrippigem Cord, violett und etwas verwaschen. An den weißen Tennissocken, die in Ledersandalen stecken, haben sich die kleinen Kletten verfangen, die so schwer zu entfernen sind.
    Obwohl der Sommer noch nicht viel Sonne brachte, ist seine Haut bereits dunkel gebräunt, denn er hält sich viel in der freien Natur auf.

    Bereits vor zwei Tagen war er hier, mit zwei Freunden. Diese haben sich vom Bärenklau Blasrohre gefertigt und auch benutzt. Zwar hat er, durch seinen Vater bestens unterrichtet, auf die Giftigkeit der Pflanze hingewiesen, doch das störte die Freunde nicht.
    Sie wandten ein, bereits vorher schon ohne Todesfolge Blasrohre hergestellt zu haben, das sei völlig harmlos. Dennoch hat er selbst sich nicht an dem Spiel beteiligt, nur mit einem Stock, den er bei sich führte, in den Blättern eine Verwüstung angerichtet. Prompt wurde er mit juckenden Bläschen zwischen den Fingern belohnt. Sowieso wäre ein Flitzebogen das, was ihn reizen würde.
    Was treibt ihn hierher ? Vielleicht ist es nur die Möglichkeit, etwas alleine und ungeplant unternehmen zu können, weil die letzten Schulstunden ausfielen.

    Der irritierend scharfe Geruch hier am Bach fasziniert ihn. Zwischen den Stauden ist der Boden fast gänzlich ohne Bewuchs, nur kümmerliche kleine Grasbüschel wachen vereinzelt zwischen den haarigen Stängeln. Der Blick des Jungen gleitet den schattigen Bachlauf entlang bis zu jener Spalte im Mühldamm.
    Wenn er mit dem Vater den Waldweg entlang ging, dann wurde ihm durch die Erzählung früherer Dingen, von Hammerwerken und Schleifmühlen, dieses Tal verwandelt. Auch jetzt sehnt er sich danach, den Klang eines Mühlwerkes zu vernehmen, oder ein Fuhrwerk, dessen eisenbeschlagene Räder in den Steinen des ausgefahrenen Weges knarzen.
    Ein Stück den Weg Talaufwärts haben sich die Karren in tiefen Fahrspuren in den Fels geschnitten.
    Wenn das Wehr noch intakt wäre, dann stünde er mitten im Teich.
    Jahrzehnte später, als er seinen eigenen Kindern erzählt, damals, in seiner Kindheit, haben Kinder anstelle von Sterben "totgehen" gesagt, da erinnert er sich.
    Jahrzehnte später denkt er, welch schönes Bild ein erinnertes Wehr doch ist.
    Für eine Spanne Zeit zwischen Entstehen und Verfall.
    Für Zufluss, ungleichmässig: manchmal wild, manchmal versiegend, manchmal gleichmäßig und stet.
    Für das Sammeln, das Trüben und das Klären.
    Für das Heben und Senken.
    Für den Ausbau und die Pflege des Wehres oder dessen Verwahrlosung,
    Für den Abfluss, der gleichmäßig, zielgerichtet oder ungestüm ist.
    Und manchmal, nach Gewittern oder Sturzbächen, vielleicht: für ein Überlaufen.
    Oder ein Austrocknen nach einer Dürre.
    Darüber, beschließt er, will ich später ein Gedicht schreiben.
    Geändert von Erebus (22.11.2006 um 13:33 Uhr)
    .....
    D i e.....v e r s u c h t e.....W e l t ............
    ......a u s g e w ä h l t e .....T e x t e ......
    Alles ist Lüge an mir; aber dass ich zerbreche - diess mein Zerbrechen ist ächt! (Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra - Der Zauberer)

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