Thema: Erebus

  1. #1
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    Erebus

    Erebus

    An Deinen Flanken bin ich alt geworden,
    du warst ein Weg, der Täuschung übervoll,
    und tief erbebt, mit Schnee bedeckt, dein Groll,
    mein Beerenberg, Du kalter Ewignorden.

    Ich darf fraktal in Wiederkehr nicht weilen,
    mein heimatliches Ziel und deckend Schild
    war immer schon ein südlicheres Bild,
    ein Kosmos aus des Chaos Gegenteilen.

    _________________________

    Ich will, ich will ein Bild mir malen.
    Ich will Dich in Siena malen,
    auf grünsmaragdnem Grund,
    so morgenlind wie Sommerrasen.

    Dein Haar sei Hafergarben,
    Rubin dein schöner Mund,
    ich will Dich in Siena malen

    Deine Augen sollen strahlen,
    so Rosmarin und Blau um Blau
    mit silbersamtnem Glanz.

    In deiner schlanken Hand.
    In deiner Hand ein Leberblümchen,
    Blau mit Blau, neapelgelb
    getupft ein Kranz.

    Ich will Dich in Siena malen
    ________________________

    Mit einem Bild aus Traum entstandnen Zeiten
    voll Glut, Verheißung, Wunsch, doch nie gelebt,
    zahl ich die Maut, dass sich der Schlagbaum hebt.
    Ich will für mich den Gnadenweg bereiten.

    Es wächst ein Grau aus des Geschehens Narben
    und täglich kürzt sich des Geschehens Kraft.
    Ist mir die Freiheit eine Eigenschaft ?
    Dann will ich, Finsternis zu bannen: Farben.
    .....
    D i e.....v e r s u c h t e.....W e l t ............
    ......a u s g e w ä h l t e .....T e x t e ......
    Alles ist Lüge an mir; aber dass ich zerbreche - diess mein Zerbrechen ist ächt! (Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra - Der Zauberer)

  2. #2
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    Hallo grey.zone

    Dem mit 3.794 Metern höchsten Berg der Antarktis, "Erebus", einen Gedichtstitel zu widmen hat mich spontan hierhergelockt.

    Dies vorausgeschickt, stutzte ich natürlich sofort in S1 über die dortige Aussage, das LI sei an seinen Flanken alt geworden und er sei sein Beerenberg, zumal noch die Konnotation "Ewignorden" folgt. Hm, wurde diese Ungereimtheit dem Reim geschuldet oder hattest du noch eine Intension in petto, die sich mir nur noch nicht erschließen will?

    Der Text spricht mich durchaus an und dein gewähltes Metrum will mir durchgängig als sauber eingehalten scheinen. Im fünfhebigen Jambus mit weiblicher Kadenz erzählt uns dein LI in den den Mittelteil umfassenden Rahmenstrophen von seiner Affinität zu südlichen Gefilden, wo es mehr Ruhe und Ordnung zu erkennen glaubt als ihm seine nördliche Heimat wohl bieten kann, wobei sich mir das Wort "fraktal" in S2, ein Terminus (nicht nur) aus der Chaosforschung, im Zusammenhang mit der versagten Wiederkehr nicht recht erschließen will.

    In den vier eingeschobenen Zwischenstrophen, die nun in vierhebigen Jamben ein ganz anderes Geschehen transportieren, erkenne ich ein verträumtes Sehnen des offensichtlich männlichen LIs nach einer schönen Geliebten, deren Porträt es gerne auf seine ganz spezifische Weise malen möchte, wobei mir allerdings das wiederholte "malen" zu Beginn nicht recht gefallen will, obschon ich mir denken kann, warum du es bewusst so eingesetzt hast. Mit Siena ist wohl kaum die Stadt in Italien gemeint, sondern diese spezielle Ockerfarbe, die dem tagträumenden LI vorschwebt.

    Aus den letzten beiden Strophen lese ich eine Art Kompensierungshaltung des LI, denn es bedauert, all diese Glut, jene Verheißung und die sehnlichsten seiner Wünsche nie gelebt zu haben und so zahlt es bereitwillig den Obolus um auf dem Gnadenweg -eine Art künstllerischer Bypass- zum Ziele seiner Wünsche zu gelangen.

    Zuletzt macht der Alterungsprozess dem LI immer mehr zu schaffen, es fragt sich gar, ob ihm Freiheit eine Eigenschaft sei, und um sich eine letzte Illusion zu bewahren, will es diese farblich nach Gusto ausschmücken, was einem nicht unerheblichen Realitätsverlust gleichkäme.

    Habe dein Werk sehr gerne gelesen und kommentiert, auch wenn ich hier und da noch ein gewisses Verständnisproblem wie angemerkt habe.

    lg crux
    Geändert von crux (24.11.2006 um 10:59 Uhr)

  3. #3
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    Auflösung in eigener Sache

    Hallo Crux !

    Um Verständnisprobleme zu beheben: Auflösung in eigener Sache


    An Deinen Flanken bin ich alt geworden,
    du warst ein Weg, der Täuschung übervoll,
    und tief erbebt, mit Schnee bedeckt, dein Groll,
    mein Beerenberg, Du kalter Ewignorden.

    Mit "Erebus" betitelt, wird in S1 nicht Erebus als LD angesprochen, sondern der "Beerenberg".
    Es handelt sich beim Beerenberg um den nördlichsten aktiven Vulkan der Erde. Er ist das nördliche Gegenstück des Erebus, dem südlichsten aktiven Vulkan der Erde.
    Das Bild aktiver, mit Schnee und Eis bedeckter Vulkane fasziniert. Es fasziniert auch in der metaphorischen Übertragbarkeit auf Menschen..
    Erebus als LI besingt seinen nördlichen Wiederpart, der ihm so ähnlich ist. "An deinen Flanken bin ich alt geworden" dies soll ein LI und ein LD veranschaulichen, ein Paar, das miteinander alt geworden ist. Das LI fühlt sich getäuscht, kann nicht den "Heißen Kern" des Gegenübers erkennen, fühlt aber den brodelnden Groll.?"Ewignorden" soll zum Ausdruck bringen: die hermetische Weigerung des LD, sein Inneres zu offenbaren, sich in die Karten sehen zu lassen...


    Ich darf fraktal in Wiederkehr nicht weilen,
    mein heimatliches Ziel und deckend Schild
    war immer schon ein südlicheres Bild,
    ein Kosmos aus des Chaos Gegenteilen.


    "Fraktale" sind Objekte, die aus verkleinerten Kopieen ihrer selbst bestehen. Diese Kopien bestehen ihrerseits wieder aus kleineren Kopieen ihrer selbst, und so fort. Ein Begriff aus der Chaosforschung.

    "Fraktale Wiederkehr" steht hier als Bild für ein sich ständig - in immer kleineren Ausschnitten - selbst spiegelndes Bewußtsein. "Verweilen" ist lesbar in zweierlei Hinsicht: lokal (im Norden, an den Flanken des Beerenberges) oder sinnend (verweilen in Gedanken). Das Wort fraktal entstammt dem Lateinischen und bedeutet brechen, zerbreche. Fraktale Wiederkehr bedeutet nichts anderes, als ein LI, dass von dem einen Punkt nicht loskommt und daran zu zerbrechen droht.
    Das LI darf dort nicht verweilen, weil es den Befund aus S1, das LD nicht zu erkennen, wohl aber dessen Groll zu spüren, nicht verarbeiten kann.
    Um die "Flucht" zu bewerkstelligen setzt das LI dem IST ein Utopia gegenüber, einen Kosmos aus Chaos Gegenteilen.
    Hier wird aus der Identität des LI in eine zweite Facette angesprochen. "Erebus" entstammt ursprünglich der griechischen Mythologie, ist Gott der Finsternis, Sohn des Chaos (laut Hesiod entsprang jedoch das Chaos der Finsternis, also genau andersherum). Aus der Paarung der Finsternis mit der Nacht entstanden Alter, Tod, Zwietracht, Verderben, aber auch Schlaf und Traum.
    Den Traum, eine südlicheres Bild, muss das LI sozusagen aus sich heraus synthetisieren. Gegen seine ursprüngliche Anlage, die Dunkelheit, bzw. gegen den den Vater, das Chaos. Dies zwiespältige Sein war dem LI aber immer schon mitgegeben, in der Utopie wird ein Schild gesehen, um sich selbst zu bewahren. Die Wortgruppe "des Chaos Gegenteile" steht ja Synonym für Kosmos, hier wird ein Hendiadyoin synthetisiert, um zum Ausdruck zu bringen, dass die Abkehr vom Chaos Ursache des Strebens des LI ist. Das also nicht nicht der Schaffensakt, als vielmehr ein Heilungswunsch den Ausschlag gibt.

    ________________________

    Ich will, ich will ein Bild mir malen.
    Ich will Dich in Siena malen,
    auf grünsmaragdnem Grund,
    so morgenlind wie Sommerrasen.

    Dein Haar sei Hafergarben,
    Rubin dein schöner Mund,
    ich will Dich in Siena malen

    Deine Augen sollen strahlen,
    so Rosmarin und Blau um Blau
    mit silbersamtnem Glanz.

    In deiner schlanken Hand.
    In deiner Hand ein Leberblümchen,
    Blau mit Blau, neapelgelb
    getupft ein Kranz.

    Ich will Dich in Siena malen

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    Im Mittelbau des vertikalen "Triptychons" vollzieht sich nun die willentliche Schöpfung eines südlichen Bildes, ganz eindeutig bezogen auf das LD. Das gemalte Bild stellt auf den Ersten Blick ein völlig anders LD dar, als das aus S1, dem Beerenberg.
    Die Einfassung durch formell strengere Gedichtsteile soll den Charakter dieses Bildes, ähnlich einem Altarbild, herausstellen.
    Es ist ein Bild, das mit der Realität des Erlebten (S1) nichts zu tun hat. Ein Kontrapunkt.
    Dennoch muss dem LD als "Beerenberg" (diese Bezeichnung kann auch eine erotische Komponente haben) eine innere Glut zugebilligt werden, deren Ausmaß aussen nicht sichtbar ist.

    Merkwürdigerweise stößt dem Leser die häufige Wiederholung des "malen" auf, dabei wiederholt sich das "ich will" häufiger. Wichtig ist beides.
    Das farbenfrohe Bild des LD konterkariert den weißen arktischen Berg, stellt einen anderen Aspekt nach vorne, scheinbar willkürlich, an der Realität vorbei. Ein LD als schöne Muse, als schöne Geliebte.
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    Mit einem Bild aus Traum entstandnen Zeiten
    voll Glut, Verheißung, Wunsch, doch nie gelebt,
    zahl ich die Maut, dass sich der Schlagbaum hebt.
    Ich will für mich den Gnadenweg bereiten.

    Das Bild ist ein Traumbild, stellt Niegelebtes dar und dient dazu, dem LI (keinen künstlerischer Bypass, sondern) einen "Gnadenweg" zu eröffnen. Was verbirgt sich hinter dieser Absicht ? Was liegt dem LI im Malen eines buntes Bild, das solche Auswirkungen haben könnte ?.
    Das Schlüsselwort ist "Gnade", ein für das christliche, abendländische Gottverständnis äußerst wichtiger Begriff. Das LI verlangt nach Gnade, die nicht erworben, jedoch - bei Unterlassung gewisser Handlungen (christl. "Sünden") verliehen werden kann. Gnade ist die Basis göttlich-menschlichen Beziehung. Anders gesprochen verliert der Mensch durch die Ausübung gewisser Handlungen die Möglichkeit, Gnade zu empfangen.
    Das LI meint also, durch ein in der Tendenz anders gemaltes Bild, etwas zu verlieren. Es will das LD in Siena malen, nicht in der Arktis, um sich eine Chance zu erhalten, die es sich andernfalls verstellt.

    Es wächst ein Grau aus des Geschehens Narben
    und täglich kürzt sich des Geschehens Kraft.
    Ist mir die Freiheit eine Eigenschaft ?
    Dann will ich, Finsternis zu bannen: Farben.

    Das Altern raubt dem LI alle Illusionen (treffend interpretiert). Dies ist der eigentliche, gnadenlose Zustand, dem das LI ausgesetzt ist. Es fragt sich, ob es ihm gegeben ist, willentlich dagegen anzugehen, in dem es andere, farbige Bilder schafft.

    Diese Überlegung wird in dem Gedicht inhaltlich wie auch beispielhaft ablesbar.
    Zugrunde liegt dem Gedicht die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schicksal, und ob es dem LI möglich ist, durch entsprechendes Handeln, dieses zu verändern.
    Oder ob, egal ob es graue oder farbige Bilder malt, egal ob es am LD einen grollenden Eispanzer oder eine Muse besingt, das Schicksal besiegelt ist.
    In der gewählten dreiteilige Form, wird den rahmenden Quartett-Paaren (Beobachten + Darübernachsinnen = IST und Wollen + Darübernachsinnen = SOLL) der intellektuellen Auseinandersetzung der Thematik eine strengere Form gegeben. Im Mittelteil, zentral, soll die freiere, willkürliche Leidenschaft Ausdruck finden.

    Auf den Punkt gebracht:
    Ist es uns gegeben, mit einer reflektierten oder unbewussten Intension eine dauerhafte Veränderung an uns selbst und unserer Umwelt zu vollbringen, oder "is eh alles wurscht".

    Deine Kommentierung zeigt mir schon, es geht, auch wenn sie noch an der Oberfläche bleibt.
    Ich hätte mich ja über weitere Kommentierungen gefreut. Entweder ist alles viel zu kryptisch dahergekommen, oder aber Deine weniger elastische Kommentierung lag wie eine Barriere vor weiteren Ideen.
    Jedenfalls freue ich mich über die Entgegengebrachte Aufmerksamkeit und bedanke mich für Deine Kommentierung.

    Wie ich sehe, habe ich dreissig Leser gehabt, und das ist ja schön und vermutlich ist das auf das CRUX zurückzuführen.

    Ich liebe die Vieldeutigkeit, mehr noch die vielstimmige Deutbarkeit, die der geistigen Beschäftigung Raum gibt, den Kosmen aus dem Chaos.

    Und da habe ich für Erebus noch eine weitere Bedeutung gefunden:
    Kriegs-und Forschungsschiff (sic!) Royal Navy 1826, besuchte sowohl Antarktis als auch Arktis(!) und sank mit ihrem Schwesterschiff "Terror" (!) in letzterer. Beide Wracks sind bis heute nicht aufgefunden.


    Gruß

    Ulrich
    Geändert von Erebus (24.11.2006 um 11:00 Uhr)
    .....
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    Alles ist Lüge an mir; aber dass ich zerbreche - diess mein Zerbrechen ist ächt! (Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra - Der Zauberer)

  4. #4
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    Schade.

    Haette gerne noch an diesem besonderen Werk geknobelt.

    Konnte dann doch nicht widerstehen und habe einfach weitergelesen.

    Hochachtung an dieses Werk.

    Matti

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