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Hybrid-Darstellung

  1. #1
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    Wettbewerbsergebnisse -Prosa-

    Wir gratulieren herzlich den Gewinnern, bedanken uns für die Teilnahme in dieser Sparte und danken den Juroren für ihre Bewertungen.

    Nachfolgend stehen nur die endgültigen Punkte, die entsprechenden Verlinkungen (erfolgen noch) führen dann zu den Beiträgen.

    _____________________________________________

    • 1. AiAiAwa 69,75

      2. Florestan 68,5

      3. kajn 68

    • Tianyu 63,75
    • wasfüreingefühl 63,5
    • f@c@ 49
    • Ingo 43
    • Suyari 37,75

  2. #2
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    AiAiAwa (Bild 3) - 69,75 Punkte

    Auf und Nieder

    "Wieder so ein heißer Tag. Das Büro wird viel zu stark aufgeheizt. Ich hasse diese Hitze. Warum haben wir hier keinen richtigen Ventilator?"

    Günters Gedankengänge kamen nicht sehr weit voran. Es waren wenige Minuten vor Zwölf. Gleich war Mittagspause. Die Sonne schien unerbittlich in das kleine Bürgerbüro der Stadt Langenfeld. Die Jalousien konnten keinen wesentlichen Teil des Lichts abschirmen und so knallte den ganzen Morgen über eine Hitzewelle nach der anderen ins Büro. Es gab keine Klimaanlage und Lüften war so gut wie nutzlos, kein Wind. Jemand hatte einen kleinen Ventilator in einer Ecke des Raumes aufgestellt und manche Angestellte fächelten sich mit ein paar Blättern Papier etwas Luft zu. Betrieb herrschte kaum an jenem Tag.

    Günter bemühte sich nicht zu schwitzen. Er saß nur zwei Meter von Paul Schwartz entfernt. Und da es sich jener oft nicht nehmen ließ, durch mehr oder minder subtile Kommentare auf die Defizite seiner Kollegen aufmerksam zu machen, versuchte Günter, in seiner Gegenwart so unauffällig wie möglich zu sein. Doch heute war ein sehr heißer Tag. Der Schatten der Jalousie wurde auf die Wand geworfen und hinterließ dort ein schummriges Gerippe, einen milchig-zerlaufenen Lichtschleier, der zum Einschlafen anregte. Das ganze Büro lag in einem fahlen Schimmer und Günter stieg die Müdigkeit immer weiter in den Kopf. Er versuchte wach zu bleiben. Gleich war Mittagspause und im Pausenraum war es kühl. Sein Blick glitt über Schwartz hinweg durch den Raum. Er sah die dürren Topfpflanzen nahe dem Informationsständer, den freien Schreibtisch neben dem Eingang vorne links, der normalerweise von Strauss besetzt war, der momentan wegen eines Leistenbruchs im Krankenhaus lag, was wiederum von Paul Schwartz bei jeder sich bietenden Gelegenheit süffisant kommentiert wurde. Strauss war schon etwas älter, über fünfzig. Sonst saßen im Büro nur jüngere Angestellte, Günter und Paul Schwartz waren beide siebenundzwanzig, Haber sogar nur dreiundzwanzig Jahre alt. Jürgen Haber saß am Fenster, direkt neben Strauss. Sein Kopf wurde momentan von einer Aktenstapel verdeckt. Haber war smart, adrett gekleidet, ein umgänglicher Typ und schwul. Er zeigte dies selbstbewusst und unverblümt und Günter war das nicht selten ein Dorn im Auge, da er sich irgendwie vor Schwulen ekelte. Er hatte nichts gegen Homosexuelle, nein, im Gegenteil: Er zählte sich zu den Menschen, die tolerant waren gegenüber "Andersartigen", wie er sie manchmal nannte.

    Während Günter seinen Kontakt mit Haber über einen freundlich gemeinten Sicherheitsabstand definierte, war Kollege Schwartz ihm offen feindlich gesinnt. Meist beließ er es jedoch bei Bemerkungen über die "Schwuchtel" hinter vorgehaltener Hand. Schwartz war in fast jeder Hinsicht asozial und egoistisch, ein mustergültiges Kameradenschwein, und nicht wenige vertraten die Meinung, er habe mit der Arbeit im Bürgerbüro den falschen Beruf gewählt. Doch nicht nur gegen schwule Kollegen richteten sich seine Angriffe, eigentlich hatte Schwartz gegen alle Männer was. Genau genommen war er jeder Lebensform feindlich gegenüber, die einem Mann auch nur ähnlich sah, da in seinem Verhalten besonders Paarungstrieb und Geltungsdrang durchschlugen. Natürlich nicht immer offensichtlich, aber dennoch für jedermann spürbar. Schwartz war ein widerlicher Aufschneider. Dementsprechend war es auch nicht ungewöhnlich, dass sämtliche Damen, die im Eingangsbereich tätig waren, etwas für ihn übrig hatten, während sie den Rest des Büros für Idioten oder Versager hielten.

    In Günters Fall kam das jedoch der Wahrheit ziemlich nahe. Eine fast zwei Jahre andauernde Beziehungslosigkeit verbunden mit angeborener Schüchternheit und einem unvorteilhaften Aussehen waren seinem Sozialverhalten nicht gerade zuträglich. Er betrieb zwar regelmäßige Körperpflege und trieb auch Sport – zumindest einmal die Woche –, doch er konnte sich von seinem beachtlich aufgequollenen Bauch nicht trennen und schwitzte nach wie vor bereits nach kurzer Zeit seine Hemden durch, was meist von einem unangenehmen Geruch begleitet wurde. Günter Kleinhans war sicher auch nicht die Idealbesetzung für die Beratung im Bürgerbüro, aber er bemühte sich und machte seinen Job immer nach gutem Gewissen, nicht zu wenig und nicht zu viel.

    Die Anstellung half allerdings wenig bei seinem privaten Unglück, welches sich noch vergrößerte, als vor viereinhalb Monaten Nadja zu ihrem Bürokreis hinzustieß. Sie war nach Langenfeld gezogen, weil sie und ihr Verlobter nicht länger in der Großstadt leben wollten und einen Ort suchten, indem ein für die Zukunft eingeplantes Kind möglichst sorgenfrei und ohne gravierende psychische Störungen aufwachsen konnte. Langenfeld schien ideal und beide waren über den Umzug anfangs sehr froh. Ebenso wie Günter froh war, bis er erfuhr, dass Nadja einen Verlobten hatte.

    Sie war schon vierunddreißig, aber sah trotzdem noch jung und hübsch aus, besonders wenn sie lächelte. Nur bei genauem Hinschauen konnte man die feinen Falten und Fältchen auf ihrem schmalen Gesicht ausmachen. Sofern man sich nicht in den himmelblauen Augen verlor, die einem in jeder Lebenslage beruhigend und freundlich entgegenstrahlten. Günter war sofort von ihrem Auftritt und ihrem Aussehen begeistert. Auch dass sie Schwartz‘ Balzverhalten zu ignorieren versuchte und gelegentlich mit einem trockenen Kommentar konterte, imponierte ihm. Oft schaute Günter, für den das Wegdösen kurz vor der Mittagspause zu einem festen Ritual geworden war, ihr minutenlang in ihre Augen, verträumt und mit einem Lächeln, bis sie zu ihm herüber sah und er ihrem Blick rasch auswich.

    Nun, es war kurz vor zwölf, war wieder so ein Augenblick. Nadja diskutierte gerade mit einem blassen Kerl im Hawaiihemd, mit Sonnenbrille und Jesuslatschen, wahrscheinlich ging es um die Beantragung eines Reisepasses. Und während sie so redete und hin und wieder die Stirn in Falten warf und bei manchen Bemerkungen des blassen Mannes ein freundliches Lächeln aufsetzte, da musste auch Günter wieder lächeln und betrachtete versonnen ihre Mimik, ihr blondes Haar, das im schummrigen Licht einzelne Lichtstrahlen auffing und reflektierte und so einen leuchtenden Heiligenschein um ihren Kopf malte. Bei dem Gedanken an den Heiligenschein wurde Günter aus seinen Träumereien gerissen. Er musste sich immer wieder daran erinnern, dass sie einen Freund hatte, einen festen Freund sogar, einen Verlobten, es war schrecklich. Günter wusste noch genau, wie dumm er sich damals vorgekommen war, als er sie zu einem Abendessen einladen wollte und sie ihm sagen musste, dass es leider nicht ginge, dass sie verlobt wäre usw. Günter hasste diese Situation, sie war ihm unheimlich peinlich gewesen. Er hatte angefangen zu schwitzen und sich unauffällig verzogen. Er fragte sich oft, warum so etwas immer ihm pass... –

    "Hallo?"

    "Was? Was – ach so. Ja, Sie wünschen? Guten Tag nochmal. Ich war grad‘ etwas nur – was wünschen Sie denn?"

    "Einmal eine beglaubigte Kopie von meinem Zeugnis, bitte."

    "Das macht dann einen Euro pro Seite."

    "Okay."

    Günter schlich eilig von seinem Platz weg, dann nochmal zurück, um das Zeugnis zu nehmen, lächelte verhalten, schlich dann noch eiliger zum Kopierer und legte die Blätter ein. Er fasste sich ins Gesicht. Bald war Mittagspause. Der Kopierer spuckte die bedruckten Seiten aus, Günter versuchte währenddessen wieder klar im Kopf zu werden. Es war ein heißer Tag. Er starrte auf die Miniatur von Michelangelos "David", die irgendein Angestellter mit Vorliebe für Anachronismen neben dem Kopiergerät platziert hatte. Die Kopien waren fertig, Günter kam mit ihnen zurück. Erst jetzt sah er das junge Mädchen bewusst, klein, etwas untersetzt, mit schwarz gelockten Haaren. Günter fand sie irgendwie hässlich, so wie sie da saß, so wie sie nervös auf den Stuhl umherrutschte und sich noch kleiner machte als sie eigentlich war und ihr dabei die Fettpölsterchen aus dem engen Top quollen.

    Er beglaubigte die Kopien, überreichte sie und das Mädchen bezahlte und ging.

    Günter schob seinen Stuhl näher an den Schreibtisch, bis sich sein Bauch in die Tischplatte drückte. Er beugte sich nach vorne, dann schaute er auf die Uhr. Es war kurz nach zwölf. Im selben Augenblick stürzte eine Mutter, offenbar ausländischer Herkunft, gehetzt zur Tür herein, zog dabei ihr Kind hinter sich her. Sie blickte sich um und sah auf Günters Stuhl. Doch jener war bereits leer und Günter längst auf dem Weg in den Pausenraum. Er hetzte schnell in den kleinen Raum und schloss die Tür hinter sich.

    "Hallo."

    "Was?" Er atmete tief durch. "Ach, hallo, Herr Kollege Schwartz. Auch schon fertig?"

    "Aber natürlich, Herr Kollege Kleinhans. Ich hatte heute alles so fix erledigt, da dachte ich mir: Mach‘ diesmal doch einfach überpünktlich Schluss, so wie manch anderer Kollege es gerne tut. Nun mache ich mir einen Kaffee, dann etwas zu essen."

    "Das dachte ich mir."

    Günter sah zu Boden. Er versuchte, Schwartz zu ignorieren und setzte sich an den Tisch. Er überlegte kurz, dann stand er wieder auf und holte seine Kaffeetasse aus dem Regal.

    "Ich glaube, ich brauche auch einen."

    Schwartz setzte sich, Günter blieb stehen. Dann kam Nadja rein.

    "Oh mann, ich brauche einen Kaffee."

    "Hier." Günter trat zur Seite, sie holte ihre Tasse aus dem Regal und goß sich etwas aus der Kanne ein. Auch Günter griff nun zur Kanne, goß sich etwas ein.

    "Ich hatte heute morgen drei ausländische Mütter, die Informationen wegen des Einwohnermeldeamtes brauchten. Zwei von denen kamen mit Kindern. Keine Ahnung, warum gerade heute so viele von denen kommen mussten und das ausgerechnet immer zu mir. Sowas kann einen wirklich stressen."

    "Na, dafür siehst du aber immer noch atemberaubend aus, Nadja."

    "Nicht halb so atemberaubend wie die Aussichtslosigkeit deiner Anmachversuche, Paul."

    "Ja, aber er hat schon recht. Sie – Du siehst blendend aus."

    "Was? Sorry, ich hab‘ das letzte nicht ganz verstanden."

    "Du siehst BLENDEND aus... sagte ich. Und das trotz dem ganzen Stress und dieser Hitze."

    "Ja, stimmt. Die Hitze macht mir auch zu schaffen. Ich bin froh, dass ich heute kein weißes Hemd trage."

    "Aber, Nadja. Man merkt dir gar nicht an, dass du schwitzt. Im Gegensatz zu manch anderem Kollegen."

    Für einen Moment herrschte Stille. Schwartz goss sich Kaffee nach, begann damit, sich eine kleine Mahlzeit zu machen.

    "Es stimmt aber schon. Es ist verdammt heiß. Und wir haben keinen richtigen Ventilator und die Jalousien sind nur halb unten und bringen scheinbar kaum etwas."

    "Als ob es an den Jalousien liegt, Kollege Kleinhans."

    "Was?"

    "Die Hitze. Es gibt auch keinen Wind draußen. Man kann nicht mal richtig lüften."

    Günter erwiderte nichts. Er wollte mit Nadja reden... oder auch nur etwas plaudern. Nadja hakte einen Daumen in ihrer Jeans ein und führte die Tasse zum Mund. Günters Blick war zuerst auf ihre Hand in der Hosentasche fixiert, dann sah er in ihr Gesicht.

    "Und wie geht’s dir eigentlich sonst so... Nadja?"

    "Oh, ach mir? Mir geht es gut. Zwar habe ich ein paar Probleme mit Tim, meinem Freund, du weißt, – er hatte sich das alles dann doch etwas anders vorgestellt hier in Langenfeld, er muss sich noch an die neue Umgebung gewöhnen, er ist da nicht so schnell in dieser Beziehung – doch ansonsten geht es mir gut. Das Wetter macht einem zwar hier im Büro zu schaffen, doch dafür ist es draußen wunderschön. Und wenn man zu Fuß nach Hause geht, kann man noch herrlich etwas allein im Stadtpark spazieren gehen."

    "Ja, das stimmt. Der Stadtpark ist schön um diese Jahreszeit. Ich gehe auch hin und wieder dort hin."

    "Ach ehrlich, Günter? Vielleicht sieht man sich ja mal dort."

    "Ja, vielleicht. Aber ich bin dann doch eher selten dort. Nur manchmal halt."

    "Ähm, ja." Schwartz meldete sich kurz zu Wort, als ob er etwas sagen wollte, blieb dann aber stumm.

    "Na denn", sagte Nadja und lächelte ein wenig.

    "Na dann", sagte Günter, blickte zu Boden und trank seinen Kaffee.

    Um halb zehn Uhr abends war die Sonne schon untergegangen und es herrschten angenehme zwanzig Grad. Günter hatte die Rolläden in seiner Wohnung bereits runtergelassen und sich in der Mikrowelle ein Abendessen fertig gemacht. Nach dem Essen schaute er eine Sendung über verrückte Stunts und Weltrekorde, doch schaltete bald den Fernseher wieder aus, es war zu langatmig und die Gäste waren hauptsächlich mäßig talentierte und unlustige Soap-Darsteller. Es war noch zu früh für einen Porno im Free-TV, aber Günter war schon müde. Er hatte irgendwann gelesen, dass es am gesündesten sei, nur alle drei Tage zu masturbieren. Aber ihm war häufig langweilig. Und drei Tage sind eine lange Zeit, wenn man nichts zu tun hat. Manchmal spielte er stundenlang auf dem Rechner Solitär oder lud sich Musik und Filme runter und hörte und schaute sie sich an. Manchmal ging er spazieren oder zum Sport, jedoch nur ungefähr einmal die Woche. In seiner Freizeit sah er hauptsächlich fern, auf seiner Couch, mit ein paar Snacks und hin und wieder einem kalorienarmen Joghurt. Couch und Fernsehtisch, der Fernseher selbst, alles war leicht verdreckt, aber nicht so schlimm wie man es in einem Langzeitsinglehaushalt vermuten würde. Die Küche war sogar recht sauber, ohne Schmutzränder an den Kochplatten und mit glänzenden Kacheln, und Klo und Schlafzimmer sahen auch noch gut aus. Stühle, Tische, Bett und Regale aus hellem Holz sahen ebenfalls noch gut aus, nur der Kleiderschrank hatte oben eine dicke Staubschicht angesetzt.

    Günter tat im Haushalt immer, was zu tun war, nicht zu wenig und nicht zu viel. Genug Zeit hatte er trotzdem.

    An diesem Abend saß er um halb Zehn auf seiner blauen Couch von IKEA. Seine Hose war heruntergelassen, ebenso die Unterhose und sein Körper rutschte in zuckenden Bewegungen auf der Couch hin und her. Der Fernseher war ausgeschaltet und Günter bemühte seine Fantasie. Er stellte sich Nadja vor, mit aufgerissenem Hemd, einer heraushängenden Brust, die immer schneller auf und nieder wippte, mit heruntergezogener Jeans. Günter drang in sie ein, er hielt ihre schmalen Schultern fest, während sie schrie und den Kopf in Erregung in den Nacken legte und er sie noch fester an sich drückte. Günter stellte sich ihr schmerzverzerrtes Gesicht vor, ihre wippenden Brüste, ihre Schreie und ihr Stöhnen. Er vergewaltigte Nadja und musste bei dem Gedanken daran auf seine Unterlippe beißen.

    Seine Bewegungen wurden schneller und verkrampfter. Er kniff beide Augen zusammen, spritzte ab ins Taschentuch. Sein Blick entspannte sich, seine Hand entspannte sich, er fühlte sich besser, zumindest für den Augenblick. Dann hing er wieder schlaff auf der Couch und beschaute seine Wampe und wie sein gerade noch aufrecht stehender Penis allmählich dahinter abtauchte. Dann schloss er die Augen, zog die Hose wieder hoch, warf das nasse Taschentuch in den Müll, ging zu Bett.

    "Ähm, ich bräuchte mal einen neuen Personalausweis."

    "Gut, dann bräuchten wir mal zwei Passbilder von Ihnen."

    "Passbilder?"

    "Ja, für den Personalausweis."

    "Ach, ja stimmt. Die Passbilder! Warten Sie... Es muss hier irgendwo in meiner Tasche... gleich hab‘ ich’s... nur noch einen Moment."

    "Kein Problem."

    "So... da ist... nein... nur noch einen klitzekleinen Moment, bitte."

    "Kein Problem."

    "Hm.. und ich war mir noch sicher, dass ich sowas... hm... Nein, tut mir leid. Ich finde keine Passbilder. Braucht man die wirklich sofort? Kann man nicht schon mal die Daten so vorsorglich eingeben? Geht das nicht?"

    "Nein, tut mir leid."

    "Hach... Gut, im Einkaufszentrum ist ein Automat, da gehe ich schnell noch ein Foto machen. Obwohl ich vorher doch lieber zum Frisör sollte..."

    "Sie können auch morgen nochmal wiederkommen."

    "Kann ich?"

    "Ja."

    "Gut, bis dann."

    "Tschüss."

    Günter verspürte in sich den Drang, seinen Kopf gegen den Monitor zu hauen. Er war nicht gut aus dem Bett gekommen und Schwartz hatte ihn direkt bei der Begrüßung darauf aufmerksam gemacht, wie ungepflegt er ausgesehen hätte. Günter hatte daraufhin gemeint, er hätte bei der Hitze nicht gut schlafen können, woraufhin Schwartz wieder gekontert hatte, es gäbe auch Klimaanlagen und notfalls hätte man auch mal die Jalousien runtermachen können. Er hätte nur Rollos, hatte Günter erwidert und Schwartz hatte ihm anschließend anderthalb Minuten lang erklärt, dass dies keine Rolle spielen würde.

    Doch so unangenehm dieser Donnerstagmorgen begann, desto erfreulicher war seine Entwicklung für Günter. Schwartz musste an diesem Morgen früher den Arbeitsplatz verlassen. Aufgrund eines Arzttermins, hatte er gemurmelt, während er zur Tür hinaus gehumpelt war und sich dabei in den Schritt fassen musste. Letztlich war es Günter aber egal, warum er ging, er war nur froh über die Tatsache, dass er ging. Auch das Wetter war an diesem Tage gnädig und kalte Luft und eine leichte Brise machten die kräftige Sonne erträglich. Und bis auf ein paar gedanklich unsortierte Leute fiel auch kaum Arbeit an.

    Zwischendurch beobachtete Günter den Kollegen Haber in der gegenüberliegenden Ecke. Jener hatte scheinbar auch nur wenig zu tun, er beäugte das Wachstum der Topfpflanze oder klemmte sich bei Zeiten wieder hinter den Rechner. Wahrscheinlich um Solitär zu spielen, wie Günter vermutete. Nur Nadja hatte noch alle Hände voll zu tun, rannte ständig quer durch den Raum, wirkte etwas aufgekratzt. Beim Kopieren stieß sie einmal fast die David-Miniatur um. Günter verspürte heute nicht den Drang, sie minutenlang zu beobachten, auch wenn der Störfaktor Schwartz sich glücklicherweise von selbst eliminiert hatte. Er blickte sich stattdessen im Büro um, sah die überfüllten Regale, die von Tag zu Tag trostloser aussehenden Pflanzen und blieb schließlich bei den Jalousien hängen. Jetzt, um elf Uhr vormittags, fiel ein eigenartiges Licht auf die Jalousie, das an den Lamellen gebeugt und zerstreut wurde, sich vermischte und in einem diffusen Hell-Dunkel-Gemisch auslief. Die Lamellen muteten ihm nun fast wie eine Leiter an mit grauen, kalten Sprossen. Er schaute lange auf dieses Bild, das verwaschene Licht, und dachte sich dabei, dass diese stinknormale Jalousie eigentlich ein Symbol für sein Leben sein könnte. Ein Symbol dafür, dass es irgendwie aufwärts gehen konnte in diesem sterilen, faden Alltag, wenn man sich nicht von einsamen und düsteren Zeiten abschrecken ließ. Oder ein Symbol für die Wechselhaftigkeit des Lebens, dass auf hellere Tage stets dunklere folgen konnten und das ganze am Ende doch nur im faden Schimmer endete, dass nie etwas Handfestes, Echtes dabei entstehen würde. Wie Wellen kamen ihm die Lamellen vor, ein stetiges Auf und Ab, ein Auf und Nieder, und Günter neigte bei dem Gedanken seinen Kopf zur Seite. Waren dies helle oder dunkle Zeiten? Vielleicht ähnelten die Lamellen aber auch eher einem Gitter, das Menschen wie ihn einsperrte oder vielleicht auch schützte. Vielleicht war das alles wie in seinem Leben. Irgendwie auf dieselbe Art verträumt und irgendwie auch ziemlich traurig. Und irgendwie hatte Günter dann doch das Gefühl, als sei es ziemlich schwachsinnig, sein Leben anhand einer Jalousie erklären zu wollen.

    Er schreckte auf und richtete seinen Blick zurück auf den Schreibtisch. Dann sah er sich noch einmal um. Diesmal hatte ihn offenbar niemand in seinem abgelenkten Zustand gesehen. Er atmete durch und schloss die Augen. Plötzlich verspürte er einen großen Hunger und da in einer Dreiviertelstunde ohnehin die Mittagszeit anbrach, begab er sich vorsorglich Richtung Pausenraum.

    Er öffnete die Tür, trat herein und blieb erschrocken stehen. Nadja stand, die Hüfte an die Küchenablage gelehnt, vor ihm. In dem Moment, wo er eingetreten war, hatte sie sich schnell von ihm abgewendet und starrte nun auf die Küchenregale. Sie hielt ein nasses Taschentuch in ihrer Hand.

    "Nadja? Was ist...?"

    Er ging einen Schritt auf sie zu, blieb dann stehen. Er beugte sich etwas nach vorne, um ihr Gesicht sehen zu können. Dann drehte sich Nadja um. Ihre Augen waren rot, geschwollen, Tränen liefen ihre Wangen runter. Sie tupfte mit dem Taschentuch die Tränen ab.

    "Was... was ist passiert, Nadja?"

    Günter machte noch einen Schritt auf sie zu, blieb dann stehen. Er fasste mit der rechten Hand auf die Küchenablage und schaute Nadja in die verheulten Augen. Dann stürzte sie auf ihn zu und umarmte ihn fest.

    "Nadja...?!"

    Günter wusste nicht, wie ihm geschah. Er blieb nur steif in der Küche stehen, bewegte sich nicht.

    "Martin hat mich verlassen!" Sie versuchte trotz zittriger Stimme einige Worte hervorzubringen. "Er hat... hat gesagt, es sei Schluss. Die Stadt, das Umfeld , es ginge nicht mehr." Sie holte tief Luft und schluckte. Günter spürte ihre Brüste an seiner Brust. Er strengte sich an keine Erektion zu bekommen.

    "Dann... dann sagte er, er wolle nicht mehr mit mir zusammen sein. Er käme nicht mehr klar mit meinen Wünschen, mit meinem Wunsch nach einem Kind... Er sei nicht bereit für sowas..."

    Sie drückte ihn fester an sich. Günter bemühte sich nicht zu schwitzen.

    "... und sagte dann, dass er mich nicht mehr liebt!"

    Nun machte auch Günter den Versuch einer Umarmung. Nadja konnte ihn wegen seines Bauches kaum umfassen und auch ihm waren seine Pfunde leicht im Weg. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und er spürte die unzähligen blonden Härchen, die an seinem Ohr kitzelten. Günter konzentrierte sich auf das, was er ihr nun sagen wollte:

    "Ist schon gut."

    Er klopfte mit der Handfläche sacht auf ihren Rücken, Nadja lockerte die Umklammerung. Sie wischte sich mit einer Hand die Tränen aus dem Gesicht. Auf Günters hellblauem Hemd waren nun kleine, dunkle Flecken.

    "Es tut mir Leid", sprach sie, bemüht um Fassung.

    "Kein Problem."

    Dann nahm sie wieder das Taschentuch, trocknete ihre Tränen.

    "Es ist wohl besser, wenn ich heute früher Schluss mache", sagte sie, und nach kurzem Luft Holen: "Danke."

    Dann ging sie rasch durch die Tür.

    Günter blieb noch einige Sekunden wie versteinert stehen. Er schaute nach unten, auf sein eingenässtes Hemd. Die Tür glitt langsam zu und schloss. Er hatte keinen Hunger mehr. Und irgendwie fühlte er sich nur noch dreckig und miserabel. Sein Kopf war knallrot.

    Nach einer Weile schlich er zurück an seinen Arbeitsplatz, der genau in diesem Moment, da Wolken sich vor die Sonne schoben, in einen matten Schimmer getaucht wurde.

  3. #3
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    Florestan (Bild 4) - 68,5 Punkte

    Wege aus dem Nebel

    Er trinkt direkt aus dem Licht der Träume, denn hier vermutet er das Leben. Am Delta aller Kreisläufe, wo die Strömung so stark ist, dass in den unzähligen Schaumkronen das Schicksal sich bricht und hinfort geschwemmt wird in das ewige Vergessen; dorthin treibt ihn seine letzte Flucht. Langsam wacht er auf. Beim Versuch aufzustehen, taumelt er kurz und stürzt in eine der schemenhaften Gestalten um ihn herum. Bekannte und unbekannte Gesichter starren durch ihn durch, jedes in einem anderen, selbstherrlichen Leben. Doch er überstrahlt sie alle. Nie mehr soll es diese Schatten neben ihm geben. Er, der Lichtspender der Welt, verlässt dieses stinkende Loch, um sich am Anblick seiner zukünftigen Bewunderer zu befriedigen.

    Als er die Straße betritt, ist es noch früh und der feuchte Nebel jener Novembertage legt sich schmeichelnd um seinen zarten Jünglingskörper, um rasch auf seiner leicht gebräunten Haut zu verdunsten. Er ist heiß. Seine Augen lodern, entkleiden jeden, den sie streifen und bohren sich tief in die Herzen der Männer und Frauen, die ihn vom Straßenrand her beäugen. Tief in die Seele schaut er, um doch nichts zu finden. Es sind fremde Menschen, die ihn zu kennen glauben. Was hält ihn hier? Er streift flink durch den Ort, die Hüften in der engen Jeans wiegen sich sachte, als er den Ortsausgang erreicht. Die Zukunft kann nie schnell genug kommen. Er flattert nun fast, wie ein verlorener junger Vogel, der durch das Unterholz kriecht und es längst aufgegeben hat, nach seiner Mutter zu rufen. Doch sein strahlendes Gefieder bietet keinen Schutz im monotonen Unterholz. Wohin fliegst du, junger Vogel? Hinter ihm bricht die Vergangenheit ein. Häuser stürzen in nie mehr zu erhellendes Dunkel. Die Frauen, die ihm eben noch hinterherschauten, tauschen jetzt argwöhnische Blicke aus und die Männer lachen rau und spöttisch: „Der Träumer wird´s wohl nie zu etwas bringen.“ So sprechen diese unglücklichen Menschen, deren höchste Freude darin besteht, einen heimlichen Fick mit der Frau des besten Freundes zu ergattern. Zu diesem „etwas“ bringen sie es alle und auch er weiß das. Trotzdem hört er immer noch ihr Lachen, sieht die musternden Blicke seinen weichen Körper abtasten und fleht darum, dass sie nicht sein Herz sehen mögen. Ein offenes Leben ist kalt und die Wahrheit macht nackt und verletzlich. Eine Welt wie diese kann mit nackten Menschen nichts anfangen, wenn sie nicht obszöne Gesten vollführen.

    Wenn er schon nicht seinen Körper prostituieren wollte, dann sollte er es eben mit seinem Geist tun. Sollte beweisen, dass er nicht anders ist. Dass er die Einheitszeitung liest, dass er die Einheitsmeinung spricht und die Einheitsfrauen vögelt. Er hatte es wirklich probiert. Er las die Zeitungen mit den blutigen Überschriften, nickte verständnisvoll, wenn für Terroristen die Todesstrafe gefordert wurde, und besuchte ab und zu den örtlichen Puff. Doch es ging nicht. Erst streikte sein Körper. Er bekam plötzliche Schweißausbrüche und starke Magenkrämpfe. Morgens kotzte er sein Bett voll. Es sollte alles aus ihm raus gespült werden. All diese Oberflächlichkeit, dieser Neid der kannibalischen Leistungsgesellschaft; er wollte es alles aus sich raus würgen, bis er nicht mehr konnte. Er war sechsundzwanzig. Er wollte etwas ändern, solange er noch die Kraft dazu hatte und das mit der Radikalität, die ihm nötig schien. Anfangs blieben die regelmäßigen Besuche in seinen Stammkneipen aus. Dafür sah man ihn immer häufiger mit jungen Männern ans Meer fahren. Er hörte auf, sich um Politik zu kümmern und auf die prüfende Nachfrage hin, ob er denn wenigstens noch in die Kirche gehen würde, antwortete er: „Ich bin schwul, aber nicht pädophil“, als Anspielung auf die jüngsten Gerüchte um den örtlichen Pfaffen. Das war zu viel für all die Kleingärtner und Mülltrenner und sie zogen sich von ihm zurück. Eine kurze Zeit war er glücklich, doch hatte er die Rache des Mobs unterschätzt. Zuerst ignorierte man ihn in der Bäckerei, man gab ihm sein Wechselgeld im Supermarkt nicht mehr in die Hand und Nachbarn wechselten die Straßenseiten, wenn sie ihm begegneten. Immer häufiger fand er Kratzer an seinem Auto und die Schulkinder riefen ihm auf seinem Heimweg nach „Gottlose Schwuchtel!“. Er glaubte, es seien Einzelfälle und es müsse noch andere geben, die zu ihm halten würden. Doch keiner kam. Seine Eltern riefen ihn nicht an, selbst als sein Vater im Sterben lag, wurde er nicht benachrichtigt. Dies war die Welt, von der er sich in seiner Jugend so viel erhofft hatte. Die Desillusion traf ihn hart und kam zu früh für ihn. Viel zu früh. Doch er war zu feige, wegzuziehen. Er hing an dieser verfluchten Stadt, an deren Ortsgrenzen man den großen Ozean rauschen hören konnte. Also flüchtete er zuerst in Träume, dann in Trips. Für Menschen, die Extreme suchen, ist das ein ganz natürlicher Übergang. Er war nicht dumm. Er wusste um die Gefahren, die ihm in den Zeitungen mit den großen fauligen Buchstaben immer wieder gezeigt wurden. Er warf viel mehr freiwillig weg, was andere als nutzlos erachteten: sein Leben.

    So tragen ihn seine Füße weiter und weiter aus der Stadt. Vorbei an grauen Wiesen und toten Hölzern. Sein Stern zieht gen Unendlichkeit, die Energie hat ihn noch nicht verlassen. In seinen schönen grünen Augen liegt noch der Glanz jugendlicher Sehnsüchte, doch die stecknadelgroßen Pupillen starren nach vorne. Kompromisse sind keine Option für ihn. Am Himmel rasen die Wolken entgegen, in seinem Gesicht wechseln Licht und Schatten mit jeder Sekunde. Doch ihn blendet nichts. Als er die Dünen erreicht sind seine Schuhe schon vollkommen aufgeweicht durch den Morgentau, er wird sie nicht mehr brauchen. Barfuß zieht er weiter. Im nassen Gras hinterlässt er keine Spuren, so leicht scheint er zu sein. Als er die Spitze der Düne erreicht, macht er keine Pause. Er ist noch nicht am Ziel. Er ist niemals am Ziel. Keine Zeit für Ausblicke, als er den Abhang hinab läuft. Er riecht das morsche Holz der maroden Strandhäuschen und Salz liegt in seinen Lungen, als er den Strand erreicht. Noch ist Flut, doch bald wird Ebbe sein und das Meer wird seine Freunde mit sich ziehen. Er kennt keine anderen mehr. Hässlich lacht er die Liebe an, die seine Schritte stoppen will. „Du betrügst mich nicht noch einmal. Wie oft habe ich gehofft, dir zu begegnen. Doch du, Hure meiner Träume, bliebst täuschendes Gefühl. Scher dich, lüsterne Priesterin! Kein Mann und keine Frau bedeuten etwas in dieser flüchtigen Welt.“ Mit weit aufgerissenen Augen kreischt er diese Worte. Schwer atmend fährt er fort: „Ich will nur eins werden mit der großen See! Mächtige Welle und ewiges dunkles Wasser sein!“ Mit diesen Worten betritt er den wackligen Holzsteg. Rasch trägt es ihn weiter und weiter. „Dies sind keine Tränen, dies ist meine letzte Hoffnung!“ Dann taucht er.
    Irgendwo am Horizont vermutet er die Sonne.

  4. #4
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    Quallenjagt

    Ihr lebt geteilte Harmonie, die Religion malt Schemen an die Wand, dahinter das Farbspiel der Götter leuchtet kaum wieder. Daher lächelt hier gelegentlich das steife Lachen von Möwen, die ab und an in unsere Atmosphäre stürzen.

    Als ich in eure Atmosphäre sank, parkte ich mein Raumschiff neben dir und dein mandelblütener Duft aus ätherischen Ölen weitete meine Pupillen. Du hast dagesessen mit einer Gruppe von Freunden, die heftigst stritt um Biomechanik und Nanotechnologie. Doch während die eine Seite zukunftsorientiert Partei für die freie Forschung ergriff und die andere düstere Szenarien von allerlei archaischen Monstren schuf, war dir das fehlende Interesse deutlich anzumerken. Mich beachtetest du ebenfalls nicht und so ließ ich Sand zwischen meinen Fingern spielen und salziger Wind wehte einige Körnlein in deine Augen. Und wie du deine Augen riebst, glaubte ich den Moment, in dem du mich zum ersten Mal wahrgenommen hast. Du bist aufgestanden und ich bin es auch.

    Als ich neben dir ging, war ich dir ein kühler Hauch, du warst mir eine warme Brise. So tasteten wir uns über die Dünen, wo robustes Gras wuchs und schwarze Käferchen Kügelchen aus Kalksand formten und eine Raubwespe Jagt auf eine fette Spinne machte, um ihr einziges Ei abzulegen. Dort, mitten unter dem Gesträuch, erspähte ich eine vereinzelte blaue Blüte. Und als mein Blick den deinen berührte, wurde ich gewahr, dass auch du dem Zauber dieses selten gewordenen Pflänzleins erlegen warst. Du bücktest dich zu ihm nieder, warst versucht, es zu pflücken, doch sendete ich dir Botschaft, es beim Betrachten zu belassen. Du reagiertest, standest auf mit dem vergessenen Ausdruck im Gesicht, der dieser Blüte glich und zunächst deutete ich darin einen wiedererwachten Instinkt; doch wusste ich auch, dass meine Botschaft dich erreicht hat.

    Als wir uns weiter die Dünen entlang tasteten, stiegen wir mit jedem ahnenden Schritt bergauf, bis sich die Dünen in den Aufstieg einer Klippe wandelten. Und wir nahmen einen steilen Weg und der führte uns zur herrlichsten Aussicht auf den wilden Wellenschlag des Ozeans. Es war Abend geworden und die Fluten kehrten zurück, eroberten das Herz der kalkweißen Landschaft, die Jahrmillionen unberührt geformt worden war. Und uns berührte, dass wir an dieser Stelle Teil dieser Landschaft waren, über die sich gemächlich das Rot des Abends legte. Da beschloss ich, dich mitzunehmen, zurück ans Wasser, um Schwimmen zu gehen. Doch statt dem Weg zu deinen Freunden, folgten wir weiter dem Pfad entlang der Klippe, bis wir nach einigen Schritten eine Kerbe fanden. Die Stelle war steil und Zeuge von einem Abrutsch am Hang, der erst wenige Monate her sein mochte. Doch bestätigten mir einige Fußspuren, dass man an dieser Kerbe den Weg hinab ans Meer wagen konnte. Und so rutschten wir mehr als das wir liefen die Klippe hinab. In deinem Taumel hattest du dir dabei einige Schnittwunden an den scharfkantigen Steinen zugezogen. Doch das Blut beachtetest du nicht, du folgtest meinem Ruf.

    Als wir das weite Meer erreichten, zogen wir uns aus. Und als du fertig warst und nackt vor mir standest, da wanderten meine Sinne auf deine Brust über den Bauch zu deiner Grotte und wieder auf zu deinem vergessenen Ausdruck im Gesicht. Ich wandte mich zum Wasser und stob in die Fluten und du machtest es mir gleich und wenn eine Welle uns in die Höhe trug, nahmen wir wahr, wie sich das Gleißen des Abendlichts im Ozean spiegelte, und den feurigen Stern nahmen wir wahr und das Purpur im Himmel unter drohenden Wolken. Wir schwammen und wir schwammen fort und nach einiger Zeit, die Sonne berührte nicht ganz das Wasser, da schautest du dich um und es war ein Hauch von Furcht an dir zu spüren, als du merktest, dass das Land nur noch ein schmaler Streifen war. Für einen Augenblick schien es, als könnte ich dich nicht überzeugen, weiter dem Meer zu folgen. Da machten wir Rast, ließen unsere Glieder langsam durch die warme Strömung gleiten. Und es dauerte nicht lang, der große Stern sehnte mit dem Meer zu schmelzen und ich erblickte auf einer Welle das Segel, wie es blau aufflammte, als es von der Welle vor das Licht des Sterns gehoben wurde. Das Blau sehnte sich nach dir, trieb geradezu in deine Arme.

    Als die Galeere dich rammte, schien es dir, als wären es nicht tausend Stiche, sondern wie einer mit der Schlagkraft von Millionen. Die Tentakel schlugen sich wild um deinen Körper und jede Nesselzelle schoss ihr Projektil durch deine Haut und deine Nerven wussten nicht, die Schmerzimpulse aufzuhalten. Deine Muskulatur kontrahierte unentwegt und mich erfasste der entsetzte Ausdruck in deinem Gesicht, der zum Schrei verzerrte. Es waren kaum mehr als einige Sekunden. Das Segel der Galeere glitt weiter über den Ozean, der warmen Meeresströmung folgend. Ich packte dich von hinten unter der Brust und eilte Richtung Festland. Und unter den schweren Zuckungen des Schmerzes setzte irgendwann Atemstillstand ein.

    Es war die Zeit, wo die Quallen Menschen jagen. Und so stand ich auf dem Wellenbrecher und blickte über das weite All, in dem der Stern gerade restlos versunken war. Meinen Auftrag hatte ich erfüllt und so stieg ich nach einer gewissen Zeit in mein Raumschiff und kehrte zurück in meine Atmosphäre.

  5. #5
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    Sei doch kein Angsthase

    „Jetzt komm schon! Sei doch kein Angsthase!“
    - Sei doch kein Angsthase -
    Das sagte sie jedes Mal, wenn ihr zierlicher Dickschädel wieder einen Plan ausgeheckt hatte und ihre kastanienbraunen Augen dann verspielt, fast panisch, in der Gegend umherhaschten, nur um wieder einmal mich – ihren kleinen Spielgesellen, mit dem sie bereits die Windeln geteilt hatte – zu finden und in einen kleines Abenteuer mitzuschleifen...

    Unsicher, mit verkreuzten Beinen, stand ich vor dem ersten Stein, der sich vor mir wie ein mehr oder weniger großer Berg auftürmte, während mein einer Fuß in ständiger Versuchung schwelgte sich auf seinem Partner gemütlich zu machen, als im nächsten Moment schon ihre kleinen Finger meine ebenso kleine Hand ergriffen und mich mit sanftem Nachdruck auf den Stein zogen.
    Es war Sommer - der erste Julitag. Die Sonne lugte noch etwas schüchtern zwischen den rar gesäten Cirruswölklein am Himmel hervor und zwei helle Stimmen surrten leise, doch unüberhörbar durch Steinritzen und Felsspalten und versteckten sich fröhlich hinter vereinzelt auftauchenden Holundersträuchen, die mit ihren zartrosa Blütenbüscheln in einem Meer aus scharfen Granitkanten und Gesteinssplittern reichlich fehl am Platz zu sein schienen.
    Unser Ziel – oder besser gesagt ihr Ziel – waren die alten Ruinen, die als Zeugnis längst vergangener Zeiten starr auf uns herabblickten und mit jedem kleinen Schritt, den wir in ihre Richtung machten, an Gestalt und Lebendigkeit dazugewannen. Die Erwachsenen sagten immer, wir sollten da nicht hin - es sei dort viel zu gefährlich für uns. Aber was hieß schon gefährlich? Konnte es gefährlicher gewesen sein als beim Schlafengehen von in Kleiderschränken lauernden Gespenstern aufgefressen zu werden oder heimlich von den verlockenden Bonbonvorräten zu naschen, stets fürchtend, dass Mama oder Papa jeden Augenblick hätte durch die Küchentür kommen können?

    Stein um Stein sprang sie voran; ich kletterte Berg für Berg hinterher und war stets erleichtert, wenn sie Rast machte und mit neugierig forschenden Blicken die ein oder andere Ameise musterte, welche uns tippelnden Schrittes über den Weg lief.
    Den Anschluss verlieren wollte ich nicht - das war ich bereits meiner jungen Männerehre schuldig.
    „Komm! Beeil dich! Bei deinen Augen ...“
    - Bei meinen Augen -
    Sie sagte immer, Jungs mit so dunklen und kräftigen Augen wie ich müssten besonders mutig sein; und jedes Mal wenn sie das sagte, formten sich ihre schmalen Lippen zu einem strahlenden Lächeln, das mehr als gerecht mit dem Glanz frühsommerlicher Sonnenstrahlen mithalten und gerade hier im lieblichen Duft der Holunderblüten noch mehr an kindlicher Schönheit entfalten konnte...
    Nachdem auch die letzten Steine unter unseren Füßen verschwanden, waren wir endlich am Eingang zu den Ruinen angekommen. Auf meiner Stirn tummelten sich bereits lebhaft Schweißperlen und ich genoss, noch immer schwer atmend, den kühlenden Luftzug, der aus dem dunklen Gang gekrochen kam, an uns vorbei zog und leise durch die Büsche raschelte, während sich meine Blicke von den geometrischen Konstrukten aus Stein bewundernd nicht abwenden wollten.
    „Komm, wir gehen rein! Vielleicht finden wir etwas! Einen Schatz oder so.“
    „Ich weiß nicht ... warum bleiben wir nicht draußen und schauen uns hier ein bisschen um?“
    „Hast du Angst? Ach, sei doch kein Angsthase!“
    „Ich hab keine Angst! Ich finde es nur draußen viel schöner...“
    Ich war selbst über diese Worte erstaunt, die mein Mund soeben von sich gegeben hatten.
    Müsste ich als „tapferer Junge“ mich nicht eigentlich in geradezu heldenhaftem Eifer gegen diese Unterstellung eines Mädchens zur Wehr setzen und im aufsprießenden Trotz furchtlos voranschreiten, um nicht als Schwächling dazustehen?
    „Na gut! Wie du willst!“
    Noch während sie die letzten Silben mit einem triumphierenden Grinsen auf den Backen mir ins Gesicht klatschte, hüpfte sie schon mit leichten Sprüngen in den Gang, begann wie eine Archäologin aus einem dieser Hollywoodfilme konzentriert die bröckelnden Fassaden der Ruinen zu inspizieren und murmelte dabei ständig undeutliche Sätze, als hätte sie einen bebrillten Assistenten, der ihr hinterherdackelte und ihre Entdeckungen dokumentierte.
    Ich sah ihr zu – sah ihr zu, wie ihre Gestalt allmählich ins Dunkel des Bergs tanzte; unbekümmert ein Lied summend, das sich jedoch in der Ferne mehr und mehr mit dem feinen Flüstern des Luftzugs zu vermischen begann ...

    Es ist Winter - ein Tag im Dezember. Schneeweiße Flocken schwirren durch die Luft und lassen sich auf längst verblühten Holundersträuchen nieder.
    Ein Mann betrachtet die kleinen Bergruinen.
    Seine Augen sind dunkel;
    doch wirken sie kraftlos und deutlich gezeichnet vom Frost vieler Winter...

  6. #6
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    Anhaltspunkte

    Wir warten auf den Sommer hier am Strand und dann warten wir auf den Abend, wenn es abkühlt und die Schwüle der Erwartung weicht. Schliesslich ist es Herbst und das Licht wird sanfter, milchiger, die Gemüter beruhigen sich langsam und die Spuren im Sand sind bald schon verwischt.
    Die Nächte sind kühl und erfrischend und wir werfen die Spaten weg, mit denen wir unsere Existenzen aufgeschichtet und begraben haben. Aus dem Sand wird Asche, aus den Tagen Monate und aus dem Wasser wird der Himmel gespeist, blau, weit und hoch genug um rein zu springen und für immer zu fallen ohne Aufprall.
    Aber die Landung? Und wo hört der Sand auf und fängt das Meer an, wenn das Licht immer trüber wird?

    Es war an einem Tag. An irgendeinem Tag im Faden der Zeit an irgendeinem Ort. Sie konnte sich noch daran erinnern, dass ihr Neffe sich das Leben genommen hatte, indem er ins Meer gegangen war. Sonst gab es keine Anhaltspunkte, wie, wann und wieso diese Geschichte existierte. Sie überlegte sich, dass es sowieso keine Anhaltspunkte in ihrem bisherigen Leben gegeben hatte und woran das liegen könnte.
    Anhaltspunkte. Und Dinge. Worte, die da waren und nicht weggingen. Sie konnte sie formen, mit ihnen spielen, sie in den Raum werfen und wieder zurücknehmen. Und das war mehr als die reale Welt vor ihren Augen. Seit die Gesprächpartner ausgegangen waren, schrieb sie ihre Geschichten mit einem Ast in den Sand und wartete darauf, dass die Wellen sie wegspülten zu irgendjemandem, der sie hören konnte. Zu irgendjemandem. Seit längerer Zeit hatte sie keine Erinnerung mehr an die Menschen. Wie konnte es sein, dass sie auf einmal alle weg waren? An einem Tag, dass wusste sie noch, in der Geschichte waren sie hierher gekommen und dann waren sie weg. In den Büchern, die sie gefunden hatte, war dieser Platz definiert als Planet, der sich mit hoher Geschwindigkeit um einen grossen Fixstern dreht, als Erde. Aber das alles waren Worte, Fragmente, die weggespült werden und in den Untiefen des Meeres verschwinden. Sie hatte es sogleich vergessen. Natürlich hatte sie sich selbst Hypothesen zusammengebastelt, wieso die Menschen – und sie war ja zweifellos auch einer, daran bestand überhaupt kein Zweifel – gegangen waren. Sie mussten in den Himmel geschleudert worden sein durch die Drehkraft des Planeten. Und immer weiter würden sie fallen, zeitlos altern und vielleicht irgendwann gegen etwas prallen. Ihr Neffe und sie waren übrig geblieben. Sie waren fest verwurzelt, flogen nicht durch den Raum. Aber ihr Neffe, denn so nannte sie ihn aus Mangel an einem anderen Ausdruck, konnte die Sprache der Menschen nicht sprechen. Und nach einiger Zeit war er ins Meer gegangen. Sie hatte das Bild in ihrer Erinnerung, wie er hinaus schritt über diese Holzpflöcke, die eigentlich gar nicht da sein dürften, und am Horizont ins Wasser, in die Wogen überging. Sogar ein Photo hatte sie davon gemacht und es hing jetzt über ihrem Bett. Die anderen Bilder, die sie gelegentlich geschossen hatte, sagten nichts, konnten keine Verbindung mit ihrem Selbst herstellen und brachten keine Erinnerung. Ihre Vergangenheit war entglitten und konzentrierte sich auf diesen einen Punkt, der leuchtete wie ein Glühwürmchen im Mittsommersturm. Ihr einziger Anhaltspunkt. Ansonsten gab es nur die Gegenwart.

    Wir warten auf den Frühling und horchen auf den Gang der Wellen. Die Lichter der Städte leuchten weiter, die meisten Türen sind verschlossen. Die Lichtsignale funktionieren wie gewohnt. Es ziehen Wolken auf, die vorbei gleiten und den ersehnten Regen doch nicht bringen.
    Die Wogen erzählen Geschichten, aber wir können sie nicht deuten. Sie sind ohne Zeit und Stoff, erzählt von einem Wesen im Meer.
    Ein Winter zieht vorüber und wir vergraben uns in den Häusern mit all dem nötigen Brennholz, das uns warm hält. Frühmorgens gehen wir runter an den Strand und trinken vom eiskalten Wasser, das alles Salz verloren hat, seit alle gegangen sind, ausser uns.
    Woher sie die Worte kannte, wusste sie nicht, aber sie waren da und gaben ihr Halt. Mehr als irgendetwas anderes. Obwohl sie allein war, so allein wie nie irgendjemand zuvor, fühlte sie sich wohl und geborgen in diesen Gefilden, in dieser Nische der Welt, in der sie ihre Geschichten in den Sand der Zeit schreiben konnte und stunden-, tage-, wochenlang das Bild ihres Neffen betrachtete. Sie wusste nicht, ob er irgendwo in den Untiefen des Ozeans tauchte oder schon ans nächste Ufer geschwemmt worden war. Er, dessen Gesicht sie sich in ihrer Phantasie tausendmal ausgemalt hatte, aber den sie nur als Bild, als statisches Gebilde, kannte, würde zurückkommen und ihr ihre Erinnerungen zurückbringen. Die See würde ihn an die Gestade zahlreicher Inseln tragen und irgendwo müsste es Menschen geben, die ihm die Sprache lehrten. Aber diesen Illusionen hing sie nur selten nach.
    Gelegentlich wurden merkwürdige Gegenstände angeschwemmt, die sie mit ins Haus nahm und genauer untersuchte. Und dann malte sie sich aus, welchen Stellenwert diese Dinge für die Personen, denen sie gehört hatten, gehabt haben und die Geschichten, die sie damit verbanden. Und schrieb alles nieder. Sie hatte schon ein ganzes Stellregal mit Notizen gefüllt, aber lesen konnte sie ihre eigenen Bücher nicht, denn sie vergass die Worte, wie sie sie überflog. Ansonsten war alles reichlich vorhanden: Essen, Vorräte, Kleider. Sie musste nur in den Supermarkt, dessen automatische Türen immer noch einwandfrei auf und zu schnappten. Auch Fische wurden täglich angespült. Ihre Existenz war aber nie von solchen äusseren Umständen bestimmt. Vielmehr hatte die Zeit ihre Krallen zurückgefahren und konnte ihr keinerlei Schaden anrichten oder überhaupt nur einen Bezugspunkt geben. Auch der Raum war ihr abhanden gekommen: weder die Natur, noch die Begebenheiten der Jahreszeiten, noch die Weiten der Landschaft drangen zu ihr vor, wenn sie traumlos schlief, am Morgen den Strand entlang schlurfte und Muscheln sammelte, in sie hineinschlüpfte und den weiteren Tagesablauf in diesem kleinen Schiffchen den Gezeiten überliess. Zurückgetragen wurde sie immer, aber auf dem Meer liessen sich die fernen Geräusche von etwas Unerklärlichem erahnen. Von einem Wesen, tief unten.

    Wir warten auf die Morgendämmerung und spüren den Wind durch die frisch geschnittenen Haare fahren. Am Himmel sind kleine Punkte zu erkennen, aber sobald wir durch die Ferngläser und Teleskope schauen sind sie weg. Die Monate verglühen im Sonnenlicht.
    Irgendwo jenseits dieser Wasserflächen gibt es Inseln, tausende davon, und auf jeder müssen Menschen leben, glauben wir, denn heute morgen hat die See einen Körper zu uns gebracht, ohne Gesicht, eigentlich mehr das Bild eines Körpers, atmend, zweifellos, aber nicht lebend. Schlafend. Wir tragen ihn zum Haus und legen ihn auf weisse Laken. Wir können ihn nicht umdrehen um sein Antlitz zu sehen und so müssen wir ihn auf den Bauch legen, wobei er weiterhin langsam aber regelmässig atmet.
    So verbringen wir die Zeit und machen uns nichts vor. Der Körper des Menschen schläft einen Schlaf, denn wir nicht zu stören wagen. Wir wenden unsere Worte ganz leise an ihn, aber er spricht unsere Sprache nicht. Er scheint jedoch die Geschichten, aus dem Meer zu verstehen, denn manchmal wenn der Sturm tobt und das Wasser ganz nah an unser Haus bläst, atmet er schneller und stosshafter und bewegt sich sogar ein ganz klein wenig.
    Wir geniessen die Aussicht auf die Sterne und spüren das kühlfeuchte Grass an unseren Ellbogen und Knien in den frühen Morgenstunden im weinenden Licht des Vollmonds.

    Sie war im Innern einer Welt und begann sich für die Anhaltspunkte zu interessieren, die übrig geblieben waren, für die Inseln inmitten der Ozeane, die Planeten in der Leere der Raumzeit, die sie ja gar nicht betraf, für die Möglichkeit eines Labyrinths, durch das sie irren konnte, statt dem geraden Faden der immerwährenden Gegenwart zu folgen. Aber da war niemand, der ihr helfen konnte.
    Schliesslich passierte es, an irgendeinem Tag, Jahreszeiten, Zeitalter, Sekunden oder Tage – wer weiss das schon genau –, nachdem ihr Neffe ins Meer gegangen war, dass sie in die Luft geschleudert wurde und sich nicht mehr am Boden halten konnte. Sie wehrte sich nicht dagegen, liess es einfach geschehen. Da oben war es nicht kalt oder warm, es war nass und voller Leben, ein Ozean - und sie tauchte ein. Aber Anhaltspunkte gab es keine.

    Wir warten auf den Anfang und dann warten wir auf Chancen und schliesslich aufs Ende. Der Regen peitscht uns ins Gesicht, aber es fühlt sich gut an, wir sind kräftig und haben die Jahre ohne Groll und Murren verbracht.
    Den Körper haben wir wieder dem Meer übergeben, er hat aufgehört zu atmen, nachdem die Geschichten aus dem Wasser verstummt sind, an irgendeinem Tag, vor nicht allzu langer Zeit. So ist das Leben entstanden, so ist es gegangen. Und der Himmel hat sich mit dem Ozean vermischt. Die Grenzen sind nicht mehr sichtbar und wir warten und warten – auf irgendwelche Anhaltspunkte. Wir warten.

  7. #7
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    Ein auktoriales "Platsch"

    Auf dieser blauen Meile fing jemand an Pfaehle tiefer in den Sand zu
    hauen. Waren sie ihm zu hoch?
    Er stellte sich dann auf den gerade getriebenen Stumpf, holte aus und
    haute den naechsten ein.
    So kommt er ans Meer, und wird doch nicht nass, eine seltsame Art
    uebers Wasser zu gehen.
    Wollte er dem Sand entkommen, sich flüchten ins Meer?
    Vor ihm erroetet der Horizont, und vielleicht ziehts ihn ja zum Himmel.

    Ich selbst bin blau, viel zu sehr. Das ist nur gut so. Sonst lauf ich
    am Ende auch so ausm Rahmen wie der ... Jesus Freak. Eigentlich ist das
    ja faehig. Muss einer erstmal drauf kommen: so nen Schritt zu wagen,
    und dann einfach immer weiter - ich koennt das nicht. Nee, dafür ist
    unsereins nich geschaffen. Jedenfalls noch nich. Kann sein, wenn ich hier
    irgendwann mal auf einen nuechternen Zweig komme, kann ich mich
    vielleicht drauf stuetzen; dass ich dann den Arsch hochnehme und mal nen
    Schritt versuche - in dieser Sekunde. Stell mir vor, wie ich kaum stehen
    kann. Und fortwaehrend ziehts den Kopf nach unten. Da wuerde ich dann nur
    sehen, wie blau der Sand jetzt ist. Ja, so kalt und blau wies Meer, wenn
    ich mich recht erinner.

    Das ergibt schon ein Abenteuer, wankst über Mulde und Kuppe durch den
    Sand und drehst dich kreuz ums quere Meer, und kurz vor dir erscheint
    ein eigenartig glattes Podest, und es ist ja fast undenkbar - nee du,
    diese Hoehe, dieser Zustand, kein Gedanke - spuerst ploetzlich einen Stoß
    im Ruecken. Du wehrst dich noch und schwankst dagegen, hast aber keine
    Kontrolle mehr, bis dass dein einer Fuß sein Ferslein einfach anhebt.
    Glaubst nicht, wie erregend das Wallen durch den Körper, von einem Fuß
    ausgehend, der Holz berührt - wie schwer drueckt auf einmal eine fremde
    Kraft den andern Fuß mit hoch.

    Die Vorstellung wird mir irgendwie komisch: Ich stehe auf Holz!

    Was kann er daran schon finden? Aber so lange, wie er schon steht,
    waechst sich das fest. Jetzt regt sich aber was: Sein kühler Kopf, um den
    die ganze Zeit ne Brise flatterte, der wird auf einmal erhellt und er
    blickt auf und denkt sich: Ja, der Horizont muss klar sein...

    Siehe Titel.

  8. #8
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    Randnotiz

    Sie neigt den Kopf zur Seite und formt ihre Lippen zu einem schmalen Strich. Es ist, als ob sie eine Bewertung auf einen kleinen Zettel schreibt und diesen in einer Urne, mit tausend anderen, vermengt. Und ich, ich soll dann alle lesen und nicht wissen aus wessen Feder, darrniederstürzend, ein Urteil über mich gefällt wurde. Aber ich kenne ihre Schrift und ich weiß um die Farbe des blau-weißen Kugelschreibers, welchen sie unter vielen in meiner Schublade bevorzugt hat. Ich lebe noch einmal nach, wie oft sie dort am Schreibtisch saß, schrieb und ich gleichsam lächelte, als ich das blau-weiße Plastikungeheuer sah, weil sie immer dieses nahm und kein anderes. Ein Ungeheuer, weil es heute einen kleinen Zettel beschrieben hat, der sich in einer Urne feige unter Artgenossen versteckt hat. Das macht ihn zum Ungeheuer und er bleibt Ungeheuer, auch wenn er mich damals zu Lachen brachte. Und, um dies alles zu sehen, brauche ich nicht einmal dort hinüberzublicken, wo sie einmal saß. Ohnehin ist ihr Schatten nicht mehr dort, sondern fällt auf die Tür und bemitleidet mich. Wie ein Dritter der sagen will, dass er auch nicht wisse was zu tun sei, dass er ebenfalls längst nur noch Zuschauer sei, schaut er mich an.
    Unwissentlich, denn das alles weiß sie nicht, begradigt sie ihre Haltung und atmet, während sie die Augen niederschlägt, tief ein. Es klingt, als sei es ihr unerträglich mich zu sehen, der sie anstarrt und hofft, dass sie noch ein letztes Wort durch ihre zusammengekniffenen Lippen pressen wird.
    Und alles Hoffen wird vergeblich, als sie die Augen schließt und den Kopf zur Tür hin, nach hinten wirft. Sie hat ihre Gedanken längst woanders hingesteuert. Und ich weiß, das wenn sie die Augen erneut öffnet, sie mich schon nicht mehr sieht. Dieser letzte Blick ist keiner mehr, sondern lediglich der Reflex eines Körpers, der zu sehen sucht, wo seine Sehnsüchte ihn hintreiben.
    Und sie geht.

    Am Fenster stütze ich mich mit der Schulter gegen die Wand und versuche, nicht die Altbauwohnungen gegenüber zu sehen. Ich sehe auch nicht, ob sie noch einmal heraufschaut, sondern betrachte den Staub, der sich langsam auf den Lammellen der Jalousie sammelt.
    Unweigerlich denke ich an ein Buch aus der Leihbücherei. Wie man dort einen kleinen Zettel als Lesezeichen benutzt und vergessen hat. Und eben dieses Buch unwissentlich, denn davon weiß man nichts mehr, zurückgibt. Und irgendwer wird irgendwann das Buch aufschlagen und sehen, wie dieser kleine Teil meines Lebens langsam auf den Boden schwebt. Wird er es lange betrachten? Wird er sich fragen, was es ist oder woher es kommt? Wird er es ungesehen zerknüllen und fortwerfen? Oder wird er es wieder sorgfältig hineinlegen und einen Teil von mir in Hände des nächsten geben?
    Davon wird niemals eine Randnotiz zu lesen sein, denn dieses Buch gehört niemanden, außer den Worten, die es ausfüllt.

  9. #9
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    Schwarz-Weiß

    Hallo mein kleiner Sonnenschein.

    Es tut mir so Leid.
    So lange habe ich die Augen davor verschlossen. Habe das Monster in ihm nicht gesehen. Ich fühle mich unglaublich schuldig. Bitte verzeih mir, dass ich diesen Mann in unser Leben ließ, dass ich es ihm ermöglichte, dich deiner Träume und Hoffnungen zu berauben.
    Du fragst dich sicher warum, warum ich ihn in unser Leben gelassen habe. Ich brauchte diesen jemand, der in den harten Zeiten bei dir ist, der dir Liebe, Hoffnung und Geborgenheit gibt. Mittlerweile habe auch ich erkannt, dass er mir diese Dinge nie gab, nie geben konnte, dass ich sie mir nur einredete.
    Warum ich ihn trotz des Alkohols und trotz der vielen Schläge bei mir behielt? Ich habe das alles verdrängt. Jetzt ist es zu spät. Verdammt, es tut mir so Leid, dass ich das Monster in ihm nicht früher erkannte. Schatz, bitte glaub mir, in dieser Nacht, in dieser Nacht hätte er dich umgebracht. Ich musste es tun. Ich weiß nicht, es war einfach so in meinem Kopf: Tu es! – Und ich tat es.
    Jetzt stehe ich hier, im Texas State Gefängnis, und warte. Warte in einem heruntergekommenen kleinen Büroraum. Kleines, weißt du, was ich sehe? Vor mir Jalousien und tief unter mir Autos, ein paar Hochhäuser. Alles ist menschenleer. Ich sehe nur noch schwarz-weiß. Dieses Bild hat sich in mein Gehirn eingebrannt. Es ist so trist und trostlos, in grauen und schwarzen Tönen. Glaub mir, Amy, die Welt hat mir nichts mehr zu bieten, es bleibt doch immer nur dasselbe harte Leben.
    Aber dir, dir steht noch alles offen. Mein größter Wunsch ist, dass du diese schreckliche Nacht vergisst und dir deine Welt wieder bunt ausmalst; dass du ein neues Leben beginnst und eines Tages wieder glücklich bist.
    Bitte mach dir keine Sorgen um mich, weine nicht um mich.
    Ich habe nichts mehr zu erwarten. Ich werde dieses Bild mit ins Grab nehmen.

    Mein Engel, ich liebe dich über alles, bitte vergiss das nie.
    Du bist das Beste, was mir die Welt geben konnte.

    In Love,
    deine Mum

  10. #10
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    Herzlichen Glückwunsch Aiaiaiaiding

    und Florestan dir natürlich auch


    Zitat Zitat von Metapher
    die entsprechenden Verlinkungen (erfolgen noch) führen dann zu den Beiträgen.
    Heißt das, nachdem wir die Texte in die entsprechende Rubrik verfrachtet haben? Aber hier sind die doch jetzt auch veröffentlicht

    Es grüßt

    Kajn
    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  11. #11
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    Aha, immerhin wissen wir jetzt wer was geschrieben hat...
    Glückwunsch allen die mitgemacht haben, ob sie jetzt erster Sieger oder achter Sieger sind.
    Wäre schön wenn man sehen könnte wer in der Jury welchem Gedicht wieviele Punkte gegeben hat. Bin doch neugierig.
    Tu was du willst, das ist das ganze Gesetz - Aleister Crowley

  12. #12
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    Hallo,

    da möchte ich ganz herzlich unseren Treppchenbelegern, aber auch allen anderen, die mitgemacht haben, gratulieren! Es hat Spaß gemacht, sich durch die unterschiedlichsten Beiträge zu arbeiten.

    Viele Grüße

    Thomas

    PS: Wer meine Kritik zu seinem Beitrag haben möchte, einfach per PN oder e-Mail an mich.
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  13. #13
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    ..........(___)...............................Im Moment ist mir aber diese Masse von Dichtern zuwider,
    ...........|Oo|...............................die weder Innovatives noch Attraktives produziert
    .... /```` OO)...Tauri are fine!........und wo sich hinter jedem Satz ein
    .../ |____-- ................................"Was mach ich hier eigentlich?" versteckt.
    .*...L....L....................................-AiAiAwa-

  14. #14
    1428 Guest

    Auch von mir herzlichen Glückwunsch an alle die in der Prosasparte mitgemacht haben und ein großes Dankeschön an die Jury, die sich die Mühe gab unsere Werke durchzulesen und anschließend zu bewerten!

    Hat echt Spaß gemacht als Prosalaie etwas neues zu probieren

  15. #15
    Florestan Guest
    Bonjour!

    Natürlich freue ich mich über den zweiten Platz, auch wenn ich es nicht wirklich glauben will, da mir im Nachhinein besonders im Mittelteil einige Schwächen aufgefallen sind (stelle demnächst einen alternativen Part rein) und es mein erster ernsthafter Versuch war. Was mich freut ist, dass das sprachliche Konzept meiner Geschichte wohl erkannt worden ist. Dennoch ist im Nachheinein mein Werk für mich nicht mehr als ein Soap-Opera Drehbuch.

    Vielen Dank an die Juroren (Geld wird bald überwiesen )

    Flo
    Geändert von Florestan (26.11.2006 um 19:10 Uhr)

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