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Thema: Der Vampyr

  1. #1
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    Der Vampyr

    Durstig und mit leerem Magen
    öffnet er den alten Sarg
    welcher ihn seit vielen Tagen
    vor dem Sonnenlicht verbarg.

    Feuer zuckt aus alten Dochten
    Kerzen flammen lautlos auf
    Raum und Zeit sind hier entflochten
    stockend scheint der Dinge Lauf.

    Unbeseelt ist das Gemäuer
    ohne Seele ist auch er
    gar nichts ist ihm lieb und teuer
    das Empfinden fällt ihm schwer.

    Langsam öffnet er die Lider
    still der Mond vom Himmel grinst
    Spinnen lassen sich hernieder
    an verrottetem Gespinst.

    Krabbeln über alte Kleider
    schlüpfen unter seine Haut
    graben sich zum Herzen weiter
    wo sein Blut sich trocken staut.

    Dort verlieren sie ihr Leben
    wenn auch nur für kurze Zeit
    Energie wird übergeben
    Blut wird wieder Flüssigkeit.

    Herzschlag fährt in morsche Rippen
    Atem strömt aus toter Brust
    keuchend öffnet er die Lippen
    wird sich seiner selbst bewusst.

    Im Gehirn erwacht das Denken
    Hunger steigt ihm in den Sinn
    mit laut knirschenden Gelenken
    schleppt er sich zum Fenster hin.

    Lange blickt er auf die Wälder
    Wölfe heulen in der Nacht
    Nebel schleichen über Felder
    Wolken tragen leichte Fracht.

    Schließlich murmelt er die Worte
    wandelt lautlos die Gestalt
    und erhebt sich von dem Orte
    mit dämonischer Gewalt.

    Er verlässt die alten Mauern
    schwingt sich hoch in dunkle Luft
    manchmal packt ihn das Bedauern
    sieht er seine alte Gruft.

    Scharfe Augen suchen Nahrung
    jenseits liegt die kleine Stadt
    er verlässt sich auf Erfahrung
    junge Frauen machen satt.

    Es sind jene zarten Wesen
    welche er von weitem spürt
    nun muss er die Fährte lesen
    die ihn zu dem Opfer führt.

    So er landet auf dem Dache
    seine Klauen finden Halt
    nur der Mond hält einsam Wache
    und die Mitternacht ist kalt.

    Sicher kriecht er an den Wänden
    eng ans Mauerwerk gepresst
    mit verhornten Krallenhänden
    hält er sich am Fenster fest.

    Gierig blickt er durch die Scheiben
    dort schläft was er heiß begehrt
    morgen wird sie liegen bleiben
    kalt und bleich und ausgezehrt.

    Leise steigt er in das Zimmer
    nähert sich dem schlafend Mahl
    draußen fließt der Sternenschimmer
    wieder bleibt ihm keine Wahl.

    Roter Mund und volle Brüste
    herrlich rabenschwarzes Haar
    sie erweckt in ihm Gelüste
    und verspürt nicht die Gefahr.

    Sachte beugt er sich herunter
    sein Gebiss zum Halse sinkt
    - niemals wird sie wieder munter -
    fährt die Zähne aus und trinkt.

    Schluckt den warmen Saft der Venen
    saugt das Blut wie unter Zwang
    und erweckt mit seinen Zähnen
    in ihr einen starken Drang.

    Bald gerät sie in Ekstasen
    windet sich in wildem Traum
    durch sie die Begierden rasen
    ohne Zügel, ohne Zaum.

    Langsam stirbt ihr lautes Stöhnen
    Existenz wird abgestreift
    muss sich mit dem Tod versöhnen
    der nach ihrem Leben greift.

    Er bemerkt des Kampfes Ende
    küsst befriedigt ihre Stirn
    streichelt ihre kalten Hände
    Glück schleicht in sein altes Hirn.

    Dann entschließt er sich zu gehen
    fliegt gesättigt aus dem Haus
    böses Werk ist hier geschehen
    wieder gibt es Leichenschmaus.

    Er erreicht sein Steingefängnis
    zögerlich der Morgen droht
    Sonnenlicht ist sein Verhängnis
    tödlich schönes Morgenrot.

    Müde torkelt er zu Boden
    und verwandelt sich zurück
    er, der Grund von vielen Toden
    ist jetzt wieder ohne Glück.

    Einsam legt er sich zum Schlafe
    seine Knochen sind verflucht
    lange schon ist er ein Sklave
    niemals ihn der Tod besucht.

    Spinnen kriechen aus dem Leibe
    von dem frischen Blut belebt
    draußen sich die Sonnenscheibe
    an den Horizont erhebt.

    Plötzlich sterben alle Kerzen
    und der Sarg schlägt krachend zu
    totes Fleisch kennt keine Schmerzen
    in der Gruft herrscht Totenruh.

    Fortgewischt sind all die Sterne
    gleißend hell die Sonne scheint
    bitterlich wird in der Ferne
    eine tote Frau beweint.
    Geändert von Philophobos (29.11.2006 um 15:33 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Philophobos,
    als Schauergeschichten-Liebhaberin hat mich dein Werk magisch angezogen. Ich muss zugeben, dass die Länge ziemlich abschreckend ist, vllt. kannst du die eine oder andere Strophe entfernen, aber es gefällt mir trotzdem. Du hast das typische Vampri-Cliche aufrechterhalten und in deinem Werk zu einer Geschichte verflochten. Bei der Metrik bin ich nicht so bewandert, aber ich glaube sie ist rein.
    Was mir neu war, ist der Spinnenaspekt, die Tiere, die in das Monstrum eindringen und dort sterben, später durch das frische Blut jedoch auferstehen. Auch vertrete ich die Meinung, dass Vampire absolut blutleere Gestalten sind, und sich da auch nichts anstaut, aber darüber ließe sich wahrscheinlich streiten!
    Alles in allem wirklich gelungen, du hast das Bild eines hm Geschichtenerzählers im Mittelalter in mir erweckt, der von dieser Kreatur den ahnungslosen leuten berichtet ^^
    glg lini
    Schnee glitzert nur, wenn man langsam genug geht...

  3. #3
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    Herrlich! Einfach wunderbar.
    Wie schön das Leid des Täters dargestellt wurde, einfach zum Heulen.
    MfG, deidre

  4. #4
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    wow wie geil... allerdings hat es dann doch schon einen sehr lustigen touch *denk*. also ich musste dann doch oftmals sehr breit grinsen. denke das liegt an dem paarreim den du gewählt hast und deiner ab und an leicht abweichenden ausdrucksweise wie "junge Frauen machen satt" oder "fährt die Zähne aus und trinkt."... sorry... das ist so humoristisch angehaucht... denke es passt wunderbar hierher ( wegen der hauptrolle ) würde sich aber auch hervorragend in humor machen... naja, dafür ist dann der schluss vieleicht noch mal etwas ins lächerliche zu ziehen ( da schon sehr ernst ).
    wirklich äusserst gern gelesen
    lieben gruss
    wissen zerstört... denken befreit

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    Meine Lesetips quer durchs Forum Sehnsucht,Mondlicht,Winterwind,Wasserspiele,die Uhr
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  5. #5
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    Klasse! Einfach Klasse! Nix dran ändern!!

  6. #6
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    Unglaublich! wirklich ein aus meiner Sicht absolut perfektes und geniales Werk. ich mag sonst solche ewig langen Sachen nciht, aber das hier hat mich wirklich vom Hocker gerissen!

    weiter so!
    Que serà, serà

  7. #7
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    Hallo und vielen Dank für eure Kritiken.

    @LINI^^: Mein Problem mit der Länge von Gedichten wurde ja schon ausgiebig diskutiert. Ich erzähle gern Geschichten in Reimform und manchmal sind diese halt ein wenig länger...
    Die Sache mit den Spinnen und dem zu Staub gewordenem Blut fand ich irgendwie witzig .

    @heimlicheFeder: Manchmal konnte ich halt nicht anders und die ein oder andere humoristische Zeile mußte einfach rein. Außerdem gefällt mir das Wechselspiel zwischen lustig und ernst.

    Gruß,
    Philophobos

  8. #8
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    Irgendwo eben (:
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    Huhu^^

    Ich muss gleich sagen: Ich bin eigentlich kein richtiger Fan von langen Gedichten. Kann nichts dafür, ist einfach so

    Aber ich muss hinzufügen: Deins gefällt mir wirklich gut. Du hast es geschafft, dass es nach den ersten 5 Absätzen noch immer spannend ist, und dafür muss ich dich loben^^

    Sehr schön geschrieben, gefällt mir.

    LG,
    RoSe

  9. #9
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    Viva Hessenland...
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    Hallo!

    Na, aber hallo!! ^^
    Richtig gut, ich als Fan der Fiktion bin vollauf begeistert! Dein armer Protagonist! Ich leide mit...
    Sprachlich wunderbar velfältig, keine Fehler in Metrik und Reimschema zu entdecken, wie sehr ich mich auch bemühe.

    Dickes Lob!


    liebe Grüße,


    Trillian
    Geändert von Trillian (30.11.2006 um 14:26 Uhr)
    'Terror gripped her.
    But because she was Tiffany, she ran towards it, raising the pan.'
    -----T. Pratchett, 'The Wee Free Men'

    'Fighters fight...'
    -----'Rocky Balboa'

  10. #10
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    Schönen guten Morgen!

    @schwarze_Rose03: Endet die Spannung eines Gedichtes für Dich normalerweise nach 5 Strophen? Dieses Gedicht hat ja ein wenig mehr . Noch länger ist übrigens "Der Tag des Jüngsten Gerichts" mit 51 Strophen - schau Dir dieses doch mal an. Auch wenn Du lange Gedichte eigentlich nicht magst .

    @Trillian: Jaja, der arme Blutsauger hat es schon nicht leicht. Immer hungrig herumfliegen und im Sarg schlafen...

    Gruß,
    Philophobos

  11. #11
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    Hey Philo,

    nun komme ich auch noch daher, auf dass die Liste der Bewunderer deiner Geschichte in Reimform immer länger wird.
    Sie hat mir sehr gefallen und ich bin auch dafür, dass nichts gestrichen wird.

    Gut gemacht - man wechselt von Schauder (Spinnen unter die Haut) bis Grinsen ( von frischem Blut belebte Spinnen)

    Mit Gruss,
    Katzi
    Nickänderung: supikatzi wurde zu Chavali


    ~WÖRTERWUNDERTÜTE~

    Werkeverzeichnis (unvollständig - ruft nach Aktualisierung): Katzenspuren

    ©
    auf alle meine Texte!

  12. #12
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    Hi Philo...

    Muss mich glatt meinen Vorrednern anschließen und bin froh, dass ich auf meinem
    kleineren Bildschirm in der Arbeit nicht gleich gesehen habe, wie lang dein Werk
    eigentlich ist... Denn dann hätte es sein können, dass ich schon nicht begonnen
    hätte zu lesen...

    Na dein Gedicht von dem armen Vampir gefällt mir mächtig gut, und ist so spannend
    erzählt, dass ich einmal mit dem Lesen begonnen, nicht mal mehr in Versuchung kam
    nachzusehen, wie lang es noch ist. Die richtige Mischung aus leichter Traurigkeit
    und Humor kommt gut rüber.

    Echt gern gelesen
    liebe Grüße
    Shadow...
    neu: Düsteres Tal
    Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche bleibt den Augen verborgen.
    ( Der kleine Prinz, Saint Exupéry )


  13. #13
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    Hallo Philophobos

    Ein sehr schönes, düsteres, langes Gedicht mit einem gelungenen Abschluss.
    Die Spinnen, die den Vampyr für kurze Zeit "zum Leben erwecken" finde ich ein schönes, neues und unverbrauchtes Bild und eine gute Idee!

    viele Grüße und Danke für diesen schaurig-schönen Lesegenuß
    thamis
    Do you need to see to believe? Believe and you will see!

  14. #14
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    Schönen guten Morgen,

    @supikatzi & thamis: Die kleinen Spinnentiere müssen sich schließlich auch irgendwie durchs Leben schlagen. Wenigstens machen sie auf diese Weise keinen anderen kleinen Lebewesen den Garaus .

    @Shadowlady: Dann kauf Dir mal ruhig einen kleineren Bildschirm für zu Hause - vielleicht hast Du schon so manches gute Gedicht zu Unrecht abgestempelt .

    Gruß,
    Philophobos

  15. #15
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    Nein...
    Ich glaube, dass ist das Erste welches es auch wirklich wert war ganz gelesen zu werden....*schleim*...

    Nö bin froh, dass ich zu Hause einen größeren Bildschirm habe, und habe mich einmal durch
    deine anderen Werke gelesen zu dieser ruhigen Stunde. Verzeih mir, wenn ich sie nun
    nicht alle einzeln kommentiere, aber deine vielfältigen Werke finde ich schon beeindruckend.

    lg... Shadow...
    neu: Düsteres Tal
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