1. #1
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    Duineser Elegien - Rilke

    Hallo!

    Ich sitze gerade vor den Duineser Elegien (erste Elegie) von Rilke und bin etwas verwirrt. Wisst ihr, ob es hier überhaupt so etwas wie ein regelmäßiges Metrum gibt, oder wurden die Elegien von Rilke in freiem Versmaß geschrieben? (Ich dachte Elegie = elegisches Distichon, aber davon ist es doch weit weg, oder?)

    Außerdem hätte ich noch eine Frage, muss ein Pentameter immer so aussehen: XxxXxxX / XxxXxxX, oder können hier noch nach Belieben Senkungen weggelassen werden? (Hier verwirrt mich Hölderlins Brot und Wein, wo mir meist irgendwo eine unbetonte Silbe fehlt, ansonsten würde ich das nämlich als elegisches Distichon identifizieren…)

    Schon jetzt vielen Dank für eure Hilfe
    Liebe Grüße, Kari

  2. #2
    yaira Guest
    Hallo s.Kari,

    ich habe gerade mal in die erste Elegie reingelesen, und was ich ganz sicher sagen kann: Das sind keine elegischen Distichen.
    Wenn du an einer metrischen Aufschlüsselung interessiert bist, können wir es gerne hier gemeinsam versuchen. Ist nicht ganz einfach, behauptet mein erster Eindruck...

    Grüße
    yaira

  3. #3
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    Hallo ferdi und yaira!

    @ferdi: Vielen lieben Dank, jetzt hast du mich von meinen Pentameter-Zweifeln befreit, dankeschön

    @yaira: Danke fürs Reinlesen! Ich finde es ziemlich kompliziert Wenn es regelmäßige Rhythmen sind, komme ich mit meinem, noch nicht so ganz sattelfesten, Metrikgefühl gut aus… Aber hier? Ich finde hier echt kein regelmäßiges Metrum raus, meist sind es aber bei mir Daktylen oder Trochäen. Es gibt ja nicht mal eine einigermaßen konstante Silbenanzahl aber meist 5 oder 6 Hebungen pro Vers. Und es gibt auch kein (für mich erkennbares) Reimschema. Kommst du auch auf ungefähr denselben Schluss?

    Existiert eine Gedichtform, die sich so chaotisch charakterisieren lässt? Ich zweifle daran Also wenn noch jemand Genaueres weiß, würde ich mich sehr über Infos freuen!

    Liebe Grüße,
    Kari

  4. #4
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    Hi,

    die erste Duineser Elegie ist eines meiner Lieblingsgedichte. Analysiert habe ich sie allerdings noch nicht (zu lang ).

    Ich meine mich zum einen entsinnen zu können, dass es keinen einheitlichen Rhythmus gab. Insbesondere in den späteren Elegien ist eine Abweichung vom Distichen-Vorbild der Elegie selbst für mich als Laie auf den ersten Blick erkennbar. Afaik verwendet Rilke freie Rhythmen. Ich muss dies allerdings noch mal ganeuer checken.
    Zu den Reimen: Gibt's nicht. Vielleicht ein paar Binnenreime und Paranomasie/phonetische Ähnlichkeiten, aber ein Reimschema definitiv nicht.

    Ich würde nicht versuchen, dafür ein konkretes Schema finden zu wollen. Informieren werde ich mich jedoch bei zeiten darüber.

    Gruß
    Philipp

  5. #5
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    Hallo Philipp!

    Ich danke dir Nun, ich soll ja ein konkretes Schema finden, (was gibt es Schöneres als Metrik an der Uni? Ich hänge förmlich an den Lippen der Professorin und sauge ihre Worte ein, aber das meiste hab ich eh hier schon gelernt ), und das macht es mir nun etwas schwer… Aber das Gedicht soll wohl etwas Verwirrung stiften, neben Gedichten mit konkretem Schema zB Sonetten, Distichen usw…

    Aber wenn du es irgendwann noch mal genauer checkst, Philipp, dann freue ich mich auf die Mitteilung des Ergebnisses

    Liebe Grüße,
    Kari

  6. #6
    yaira Guest
    Hallo,

    wollte nur noch kurz meinen Senf sbgeben, da zufälligerweise Elegien heute das Thema eines meiner Seminare war. Dass Rilke sich nicht an die typische Form der Elegie aus Distichen hält ist wohl eine Erscheinung der modernen Lyrik, die Elegien nicht mehr wie in der Antike über die Form bestimmen (die von den frühen deutschen Elegien-Dichtern wie Klopstock oder Goehthe ncoh eingehalten wurde), sondern eher über den Inhalt, der etwas Trauriges transportieren soll.
    So als kleines Schlusswort

    Liebe Grüße
    yaira

  7. #7
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    Zitat Zitat von yaira
    Hallo,

    wollte nur noch kurz meinen Senf sbgeben, da zufälligerweise Elegien heute das Thema eines meiner Seminare war. Dass Rilke sich nicht an die typische Form der Elegie aus Distichen hält ist wohl eine Erscheinung der modernen Lyrik,...
    Dies kann man im übrigen auch gut in den Sonetten an Orpheus erkennen, wo abgesehen vom vierzehnzeiligen Konzept an einigen Stellen gespart wurde (Alexandriner um die Hälfte reduziert etc.).
    Dass es eher thematisch eine Elegie ist, das stimmt sicher.


    btw: Da der Verehrte nun seit über 70 Herbsten nicht mehr irdisch tätig ist (Memo an mich: Uni macht Hirn Schrott), kann man die eben genannte erste Elegie auch mal posten:

    Die erste Duineser Elegie

    Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
    Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
    einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
    stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
    als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
    und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
    uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
    Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf
    dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen
    wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
    und die findigen Tiere merken es schon,
    daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
    in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
    irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
    wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
    und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
    der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.
    O und die Nacht, die Nacht, wenn der Wind voller Weltraum
    uns am Angesicht zehrt -, wem bliebe sie nicht, die ersehnte,
    sanft enttäuschende, welche dem einzelnen Herzen
    mühsam bevorsteht. Ist sie den Liebenden leichter?
    Ach, sie verdecken sich nur mit einander ihr Los.
    Weißt du's noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere
    zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht daß die Vögel
    die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.

    Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche
    Sterne dir zu, daß du sie spürtest. Es hob
    sich eine Woge heran im Vergangenen, oder
    da du vorüberkamst am geöffneten Fenster,
    gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag.
    Aber bewältigtest du's? Warst du nicht immer
    noch von Erwartung zerstreut, als kündigte alles
    eine Geliebte dir an? (Wo willst du sie bergen,
    da doch die großen fremden Gedanken bei dir
    aus und ein gehn und öfters bleiben bei Nacht.)
    Sehnt es dich aber, so singe die Liebenden; lange
    noch nicht unsterblich genug ist ihr berühmtes Gefühl.
    Jene, du neidest sie fast, Verlassenen, die du
    so viel liebender fandst als die Gestillten. Beginn
    immer von neuem die nie zu erreichende Preisung;
    denk: es erhält sich der Held, selbst der Untergang war ihm
    nur ein Vorwand, zu sein: seine letzte Geburt.
    Aber die Liebenden nimmt die erschöpfte Natur
    in sich zurück, als wären nicht zweimal die Kräfte,
    dieses zu leisten. Hast du der Gaspara Stampa
    denn genügend gedacht, daß irgend ein Mädchen,
    dem der Geliebte entging, am gesteigerten Beispiel
    dieser Liebenden fühlt: daß ich würde wie sie?
    Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen
    fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, daß wir liebend
    uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn:
    wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung
    mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.

    Stimmen, Stimmen. Höre, mein Herz, wie sonst nur
    Heilige hörten: daß sie der riesige Ruf
    aufhob vom Boden; sie aber knieten,
    Unmögliche, weiter und achtetens nicht:
    So waren sie hörend. Nicht, daß du Gottes ertrügest
    die Stimme, bei weitem. Aber das Wehende höre,
    die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet.
    Es rauscht jetzt von jenen jungen Toten zu dir.
    Wo immer du eintratst, redete nicht in Kirchen
    zu Rom und Neapel ruhig ihr Schicksal dich an?
    Oder es trug eine Inschrift sich erhaben dir auf,
    wie neulich die Tafel in Santa Maria Formosa.
    Was sie mir wollen? leise soll ich des Unrechts
    Anschein abtun, der ihrer Geister
    reine Bewegung manchmal ein wenig behindert.

    Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen,
    kaum erlernte Gebräuche nicht mehr zu üben,
    Rosen, und andern eigens versprechenden Dingen
    nicht die Bedeutung menschlicher Zukunft zu geben;
    das, was man war in unendlich ängstlichen Händen,
    nicht mehr zu sein, und selbst den eigenen Namen
    wegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug.
    Seltsam, die Wünsche nicht weiter zu wünschen. Seltsam,
    alles, was sich bezog, so lose im Raume
    flattern zu sehen. Und das Totsein ist mühsam
    und voller Nachholn, daß man allmählich ein wenig
    Ewigkeit spürt. - Aber Lebendige machen
    alle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden.
    Engel (sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unter
    Lebenden gehn oder Toten. Die ewige Strömung
    reißt durch beide Bereiche alle Alter
    immer mit sich und übertönt sie in beiden.

    Schließlich brauchen sie uns nicht mehr, die Früheentrückten,
    man entwöhnt sich des Irdischen sanft, wie man den Brüsten
    milde der Mutter entwächst. Aber wir, die so große
    Geheimnisse brauchen, denen aus Trauer so oft
    seliger Fortschritt entspringt -: könnten wir sein ohne sie?
    Ist die Sage umsonst, daß einst in der Klage um Linos
    wagende erste Musik dürre Erstarrung durchdrang;
    daß erst im erschrockenen Raum, dem ein beinah göttlicher Jüngling
    plötzlich für immer enttrat, das Leere in jene
    Schwingung geriet, die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft.


    (Vom Dichterplaneten aus Andvaris Beitrag rüberkopiert )
    Geändert von AiAiAwa (29.11.2006 um 18:49 Uhr)

  8. #8
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    @ yaira:
    … zufälligerweise Elegien heute das Thema eines meiner Seminare war…
    Das passt ja hervorragend Dankeschön für das Weiterleiten der Infos!

    @Philipp
    Dies kann man im übrigen auch gut in den Sonetten an Orpheus erkennen
    – hab ich auch schon skeptisch unter die Lupe genommen

    Uni macht Hirn Schrott
    nicht zwingend, als Beispiel nenne ich yaira, die mich grad durch ihr Uni-Wissen gescheiter gemacht hat


    Liebe Grüße!
    Kari

  9. #9
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    Sowohl die vierte als auch die achte Elegie sind in Blankversen geschrieben, der Rest ist frei.

  10. #10
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    In meiner Gymnasialzeit waren die Duineser Elegien ein schrecklich schöner Schwerpunkt. Langlanglanglang ists her. Soviel aber merkt man beim lauten Lesen, daß Rilke sich (außer in der vierten und der achten Elegie) "musikalisch" - frei, nicht streng - an den Duktus der klassischen Elegie annähert. Also viel mehr Daktylen, als in der deutschen Sprache üblich sind, deher ergeben sich (per Zufall oder gewollt) zwischendurch echte Hexameter und echte Pentameter. Manchmal über zwei Zeilen verteilt.
    LG
    Oswald
    Geändert von Oswald (19.03.2007 um 23:35 Uhr)

  11. #11
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    Hallo Vladimir und Oswald!

    Ich danke euch recht schön! Ist zwar schon eine Weile her, als ich die Frage stellte, aber man lernt ja nie aus

    Tatsächlich, vierte und achte Elegie im Blankvers? Da muss ich mal reinlesen!

    Danke, liebe Grüße,
    Kari

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