1. #1
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    geträumtes Wehr

    geträumtes Wehr


    Er blickt dorthin, wo vor des Waldes Schattensaum
    aus wilder Sonnenwiese Riesendolden sprießen
    und sieht, zu deren Füßen, einen Bachlauf fließen
    in eines Dammes eingesunknen Zwischenraum.

    Von diesem Bild gefunden, steht er traumbetört,
    sieht, dass - an der Wiesen statt - sich ein Weiher findet,
    im Wall ein Bohlenwerk des Wassers Kräfte bindet
    und eine Rinne speist, die hin zur Mühle führt.

    Zur Linken liegt ein waldumwundner kleiner Haag.
    Dort fließt in enger Windung durch das nickend Rohr
    der Bach, in seichter Neigung, blinkt hier und da hervor
    und tritt im Zulauf zwischen Mummeln in den Tag.

    Die Wasserfläche spannt sich, dehnt sich im Oval,
    lehnt sich talwärts an den Damm, der im gebognen Rund
    der Sehne gleicht, das Wasser klar bis fast zum Grund.
    Und füllt mit spiegelnd Wolkenflug das grüne Tal.

    Am Wehr teilt sich der Abfluß sinnvoll zweigestalt.
    Zum Mühlengraben strömt es immer stark und stet:
    wenn Wind im Nebenschacht auf Pfützen Kringel dreht,
    und auch, wenn dort mit Tosen poltert eine Urgewalt.

    Wie er steht, gebannt, den Zeiten fliehend folgt !
    Wie sich des Weihers Spiegel wechselnd hebt und senkt
    Wie Wetterspiel, wie Zeitenwandel Nässe schenkt
    und nimmt und jeder Handel fordert seinen Sold.

    Und aus dem Wechselspiel von Pflege und Gebrauch
    erwächst zum Maß die klug errungne Zweckerfüllung.
    Denn ob in Armut oder ungestümer Spülung
    Ströme münden und lagernd dann im Mühlenbauch

    gespeichert sind: dem eigentlichen großen Ziel,
    sie dienen ihm, wenn sie zu seinen Interessen
    vom Schmutz befreit in Strom und Druck gut abgemessen,
    zur Mühle streben in dem druckvoll ziehend Siel.

    Vieltausendfach will Leben sich dem See verbinden:
    bei Regenwetter wie an Sonnentagen. Fische,
    Vögel, Lurche, Pflanzenwuchs. Aus jeder Nische
    quillt das Leben, muss entstehen und verschwinden.

    So geht in weitem Schritt gerafft die Zeit durch's Land.
    Und aus dem schönen Bauwerk fließet jahrelang
    das Wasser und die Kraft. Dann folgt der Untergang.
    Es blieb ein Tümpel, bis zuletzt auch der verschwand.

    Für Hoffnung blieb kein Platz in diesem Bild. Und doch:
    es hat ihn bis zum Rand mit Sehnsucht angefüllt.
    Nur eine Möglichkeit, ein Traum in Form gehüllt.
    Nun wendet er sich ab, ins Leben, trägt sein Joch.
    .....
    D i e.....v e r s u c h t e.....W e l t ............
    ......a u s g e w ä h l t e .....T e x t e ......
    Alles ist Lüge an mir; aber dass ich zerbreche - diess mein Zerbrechen ist ächt! (Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra - Der Zauberer)

  2. #2
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    Hallo grey.zone

    zugegeben, es kostet schon einiges an Überwindung, sich an ein so opulentes Werk von elf Strophen zu heben, zumal ich es erst drei Mal lesen musste, bevor mir einigermaßen dämmerte, was genau du dem Leser vermitteln wolltest.

    Zunächst aber zum Formalen.

    Du verwendest, soweit ich es überblicken kann, durchgängig sechsfüßige Jamben (auch Senar genannt) im umarmenden Reimschema abba, wobei du die jeweiligen Binnenverse 13-silbig, die umarmenden jeweils 12-silbig gestaltet hast. Bis auf ein paar Stellen, auf die ich später noch näher eingehen werde, liest sich alles recht flüssig. Für die Beschreibung eines geträumten Wehrs finde ich dein Werk deutlich zu lang geraten, zumal du dich über weite Strecken mit eher unwichtigen oder gar langweilenden wasser-technischen Beschreibungen und den Funktionsweisen diverser Bestandteile der Mühle aufhältst, anstatt dich mehr auf die symbolhaften Bilder und Assoziationen des Träumers zu konzentieren.

    Zum Inhalt lässt sich sagen, dass du eine beobachtende Person sprechen lässt, die ein männliches Wesen im Traumzustand (so der Titel) beobachtet, was mir insofern Kopfschmerzen bereitet als ich dem rein logisch nicht folgen kann, wie soll das vor sich gehen? Dann wird über mehrere Strophe hinweg ein getreuliches Abbild der idyllischen Szenerie mit Wiese, Bachlauf, Damm, Bohlenwerk und Mühle beschrieben, in die sich diese Person träumend hineinbegibt.


    Er blickt dorthin, wo vor des Waldes Schattensaum (12)
    aus wilder Sonnenwiese Riesendolden sprießen (13)
    und sieht, zu deren Füßen, einen Bachlauf fließen (13)
    in eines Dammes eingesunknen Zwischenraum. (12)
    xXxXxXxXxXxX
    xXxXxXxXxXxXx
    xXxXxXxXxXxXx
    xXxXxXxXxXxX

    Von diesem Bild gefunden, steht er traumbetört,
    sieht, dass - an der Wiesen statt - sich ein Weiher findet,
    im Wall ein Bohlenwerk des Wassers Kräfte bindet
    und eine Rinne speist, die hin zur Mühle führt.
    Vorschlag:
    sieht dort, wo Wiese war, sich nun ein Weiher findet.


    Zur Linken liegt ein waldumwundner kleiner Haag.
    Dort fließt in enger Windung durch das nickend Rohr (nickend?)
    der Bach, in seichter Neigung, blinkt hier und da hervor
    und tritt im Zulauf zwischen Mummeln in den Tag. (Mummeln, was ist das?)

    Die Wasserfläche spannt sich, dehnt sich im Oval,
    lehnt sich talwärts an den Damm, der im gebognen Rund
    der Sehne gleicht, das Wasser klar bis fast zum Grund.
    Und füllt mit spiegelnd Wolkenflug das grüne Tal.

    Am Wehr teilt sich der Abfluß sinnvoll zweigestalt.
    Zum Mühlengraben strömt es immer stark und stet:
    wenn Wind im Nebenschacht auf Pfützen Kringel dreht,
    und auch, wenn dort mit Tosen poltert eine Urgewalt.

    Die Logik von Z4 wird hier in Abhängigkeit zu Z1 und Z2 nicht deutlich.

    Wie er steht, gebannt, den Zeiten fliehend folgt.
    Wie sich des Weihers Spiegel wechselnd hebt und senkt
    Wie Wetterspiel, wie Zeitenwandel Nässe schenkt
    und nimmt und jeder Handel fordert seinen Sold.

    Das "Wie" in Z1 verwirrt in Verbindung mit der nachfolgenden Inversion, denn im Grunde müsste es doch eher heißen:[/B] Wie er so steht, gebannt der Zeiten Fluss verfolgt

    Und aus dem Wechselspiel von Pflege und Gebrauch
    erwächst zum Maß die klug errungne Zweckerfüllung.
    Denn ob in Armut oder ungestümer Spülung
    Ströme münden und lagernd dann im Mühlenbauch
    Z4 syntaktisch instabil (lagernd ohne "d"?)

    gespeichert sind: dem eigentlichen großen Ziel,
    sie dienen ihm, wenn sie zu seinen Interessen
    vom Schmutz befreit in Strom und Druck gut abgemessen,
    zur Mühle streben in dem druckvoll ziehend Siel.
    Z4 unlogisch wegen Widerspruch: druckvoll ziehend (Gegensatzpaar)

    Vieltausendfach will Leben sich dem See verbinden:
    bei Regenwetter wie an Sonnentagen. Fische,
    Vögel, Lurche, Pflanzenwuchs. Aus jeder Nische
    quillt das Leben, muss entstehen und verschwinden.

    Unsauberer Reim (Fische/Nische)

    So geht in weitem Schritt gerafft die Zeit durch's Land.
    Und aus dem schönen Bauwerk fließet jahrelang
    das Wasser und die Kraft. Dann folgt der Untergang.
    Es blieb ein Tümpel, bis zuletzt auch der verschwand.

    Erst jetzt (viel zu spät) wird dem Leser klar, worum es dem Auto wirklich geht. Er möchte lediglich den vergänglichen Charakter all dessen, was jemals von Menschenhand errichtet wurde hervorheben, was eben noch eine anheimelnde Idylle im schönsten Wiesengrunde war, ist morgen schon (das nagende Rad der Zeit) dem Untergang geweiht, eine wie ich finde relativ platte Aussage ohne Neuwert oder perspektivisch originell fokusiert.

    Für Hoffnung blieb kein Platz in diesem Bild. Und doch:
    es hat ihn bis zum Rand mit Sehnsucht angefüllt.
    Nur eine Möglichkeit, ein Traum in Form gehüllt.
    Nun wendet er sich ab, ins Leben, trägt sein Joch.

    Hier endet nun sein Traum, der ihm die Erkenntnis des hoffnungslos Vergänglichen brachte. Warum er ihn dieses zu langatmig beschriebene Bild dennoch bis zum Rand mit Sehnsucht füllt, ist nur schwer nachvollziehbar, zumal ja die Sehnsucht in Z3 gleich wieder mit den Worten "Möglichkeit" und "Traum" relativiert wird.

    Die Conclusio besteht etwas dürftig lediglich in der Feststellung, dass sich der eben erst aus dem Traum Erwachte nun wieder der Realität des Alltags stellt (stellen muss) und daher beschließt, sein Joch weiterhin klaglos zu tragen.

    Obwohl mich deine zum großen Teil gut entwickelten Bilder und sprachliche Wendungen schon überzeugen konnten, muss ich leider insgesamt ein eher ernüchterndes Fazit ziehen: zu langatmig, zu undeutlich die Absicht, der rote Faden etwas wirr und auch der Schluss konnte mich nicht wirklich mit all dem versöhnen.

    Liebe Grüße
    crux
    Geändert von crux (30.11.2006 um 18:57 Uhr)

  3. #3
    Johan Guest
    Hallo grey.zone,

    dein Werk ist lang, lang zum Lesen, aber hoch interessant. Ich mag Landschaftsaufnahmen. Ich mag es aber auch, wenn in ihnen Anderes verborgen ist. So, wie ich es hier zu finden meine. Vielleicht klingt es etwas jeck, aber ich sehe in Deinen Zeilen das Modell einer Schaltanlage, bzw den Quelltext eines Computerprogramms, der in Naturbilder getaucht wurde, aber dennoch einwandfrei zu lesen ist. Daneben steht der Lehrer, der es mit dem Zeigestock erklärt.
    Die letzten drei Strophen klingen nach einer persönlichen Stellungnahme des Autors, die in weitere Bilder gekleidet ist, die aber in ihrer Wortwahl etwas simpler sind.

    Dein Werk gefällt mir sehr. Die Idee allein ist schon etwas Besonderes. Darum stürze ich mich auch nicht auf Formulierungen, die vielleicht noch mehr ausgearbeitet hätten sein können. Ein weiterer Pluspunkt ist für mich als Leser, dass dein Stück keine zukunftsgerichtete Absicht impliziert sondern eine Feststellung ist, die nicht von Emotionen überquillt. Dein Teilsatz ’nun wendet er sich ab’ ergibt für mich einen gelungenen Abschluss deiner Zeilen.

    Bravo und danke!

    Lieben Gruß
    Johan

  4. #4
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    @Crux

    Hallo lieber Crux,

    diesen Text dreimal zu lesen, vor Allem zu so fortgeschrittener Stunde - ja, ich weiß Deine Mühe wirklich zu schätzen.
    Ich glaube, dass man sich immer wieder überwinden muß, um etwas zu finden - was Dir in meinem Text leider nicht ganz gelang.
    Was ich genau dem Leser vermitteln will hat sich Dir leider nicht erschlossen, es geht mir nicht um Vanitas oder Eitelkeiten. Ganz konnte ich mir den Verweis auf Vergänglichkeit nicht versagen, aber ich wollte dies nicht als Spur legen. Was ich genau vermitteln will, ist in diesem Fall auch garnicht genau auszumachen, also in einer Form, das es übertragbar wäre.

    Und das der Text nicht leicht zugäng ist, habe ich auch nicht angenommen.
    Ich habe, soweit mir das möglich ist, meiner Muttersprache huldigen wollen und dabei wissentlich Unverständnis, bezogen auf Begriffe, in Kauf genommen.
    Das LD beschreibt sich in der dritten Person, das geht für mein Empfinden, jedenfalls ist es nicht verboten. Ich wollte über diese Distanz eine andere Art von Nähe erzeugen, sozusagen Neutralität schaffen, die ungerichtet bleibt, nicht unmittelbar auf ein "Dich" oder "Mich" zielt. Die fehlende Logik des in-eines-Fremden-Traum-Sehens ist mir nicht bewußt gewesen. Ist das wirklich störend ?

    Treffsicher gehst Du auf die Knackpunkte, an denen das Lesen stolpert. Der Einschub in S2 hat mich auch gestört, ist aber auch schwer zu meistern, wie man an Deinem Vorschlag sieht.
    Das "nickend Rohr" für "nickendes Rohr" ist mir aber so vertraut, dass es mir garnicht auffiel.
    Die "Mummeln" sind gelbe Seerosen. Ich weiß, dass meine Eltern noch vertraut mit dieser Bezeichnung waren, der Mummelsee im Schwarzwald trägt seinen Namen danach.
    Mit S5 habe ich mich lange herumgeplagt, hier wollte ich den Gegensatz zwischen der Veränderlichkeit des Überlaufes und der Gleichmäßigkeit des Mühlenkanals darstellen. Bei allen Möglichkeiten habe ich noch nichts besseres gefunden.

    S6 Das "Wie" ist im Grunde wirklich Tinnef aber Hinführung zum "folgt", das in dieser Form wichtig für den Reim war.
    Und "gebannt, den Zeiten fliehend folgt" ist eine Kernaussage meines Textes.
    S7 "..lagernd .... gespeichert..." als Strophenenjambemen müßte passen.

    S8 "druckvoll ziehend": das erregt Wiederspruch, ich wußte es. Aber hast Du mal an solch einem gutdurchströmten Wassergraben in die Strömung geschaut und Dich mitnehmen lassen ? Na klar. Ist das jetzt Druck oder Zug ? Oder beides ?

    S9 Du hast recht. Die Unsauberkeit des Reimes ist mir garnicht aufgefallen (da habe ich wohl einen dialektischen Einschlag nicht kompensiert)

    S10 Die "platte Aussage ohne Neuwert" finde ich ja schon deftig. Ich sehe dass (aus meiner Perspektive) so, dass der geneigte Leser entweder früher, oder eins später bemerkt, um was es mir geht.
    Dort geht es um das Bild, jedoch sage ich nicht, das es dort endet.

    Lieber Crux, Du hast mir mit Deinem Kommentar eine große Freude gemacht, allein die Ehre, so aufwändig bedacht zu werden ist mir wohl bewußt.

    @Johan

    Hallo lieber Johan,

    Bei Dir möchte ich mich ebenfalls für die Mühe und ganz besonders auch für den wohlwollenden Kommentar bedanken. Und Du hast mir eine weitere sehr interessante Möglichkeit geöffnet, diesen Text zu lesen.
    Dafür vor allem Dank. Tatsächlich hast Du dich schon sehr nahe an meine Intension herangedacht. Das die drei letzen Strophen anders gesehn werden können ist wohl war. S9 und S10 benötigte ich, um das ausufernde Bild wieder in den Griff zu bekommen.

    Vielen Dank


    Ulrich
    .....
    D i e.....v e r s u c h t e.....W e l t ............
    ......a u s g e w ä h l t e .....T e x t e ......
    Alles ist Lüge an mir; aber dass ich zerbreche - diess mein Zerbrechen ist ächt! (Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra - Der Zauberer)

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