Thema: Blutsturz

  1. #1
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    Blutsturz

    Ein 3/4 Sonett

    In düsterer Nacht, in nassen Gefilden.
    Ein Maul lacht launig böse Geister,
    überall bricht Scheibenkleister,
    der Magister lässt ein Scheisshaus bilden.

    Fliegen fressen sich durch kleine
    Augenknochen, singen frech Sonaten
    und sind gar gross geraten.
    Gläubig verzehren sie der Erde Schweine.

    Schon zwischen Brust und Fuss und Lende
    schmiegen sie sich geil und
    folgen wirr lachend ins Weltenende.

    (Terzett 2: hinfällig)











    Text: Fredy Bünter & Kevin Mc Loughlin
    Bildentwurf: Fredy Bünter & Kevin Mc Loughlin
    Linolschnitt: Fredy Bünter

    Das hier ist meine Signatur und ich bin stolz darauf.

  2. #2
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    Man darf ja mittlerweile sagen: "ahh, ein Satchmo!" und sich dann ausführlich am Kopf krazen, bzw. das Ziegenbärtchen (falls vorhanden) zu rate ziehen!

    Schon die Einführung lässt Grübeln: nasse Gefilde. Der Sumpf, oder tatsächlich eher das Meer? Nass, also schon mehr als feucht. Sind Sümpfe nass oder Feucht?

    Drauf geschissen, wohin das Ganze atmosphärisch steuert wird somit klar.
    Und schaurig, wenn ein Maul launig geister Auspuckt. Hier ist Verlassenheit/Leere Programm. Ja mehr noch, es ist schon fast Menschefeindlich! Und das lehrende, dass Wissende gibt sich exkrementeller Architektur hin. Soll sich hier der Abschaum sammeln? Ist das die Lösung für die menschliche Einöde?

    In der Zweiten Strophe dann der ausfürhliche Verfall. "Kleine Augenknochen", man denkt an Kinderleichen; und von denen nicht zu wenig, denn die Nutznießer des Verfalls, welche der Leichenfledderei fröhlich nachgehen (sie singen Sonaten diese Hunde!), scheinen viel von ihrer Beute zu bekommen.
    Und "gläubig"! (mir fallen lagsam alle Barthaare vor "zurateziehen" aus )
    Sie nehmen gläubig der Erde die Schweine. In guter Absicht? In religiöser Absicht? Nein! Es ist beides! Sie nehmen der Erde die Grundlage (Schweinemist) und dem Menschen das existenzielle (das Fleisch). Oder sind es jene, denen Schweine verboten wurden, die jenen denen Schweine erlaubt sind selbige stehlen?

    Wo ist die Zäsur? Brauchen wir nicht? Dann weg damit
    Aber ganz eindeutig wissen die Fliegen nicht, was sie da anrichten, bzw. lassen sich fröhlich und Nichtsahnend auf den Niedergang aller Gefilde ein. Das ist wirklich zum Kotzen, und da mag man mehr verlieren als das Verdaute!

    Und dann...... das lyr. Ich vermag es nicht zu sagen und lässt es offen. Strategisch ein guter Schritt!

    Inhaltlich mal wieder schwer zu fassen, aber die Atmosphäre und der Rätselspaß haben mich mal wieder mittgerissen. Eine Schande das der rest des Forums es unkommentiert vor sich hin vegetieren lassen wollte

  3. #3
    Flamme ist offline Krauseminze, Minze, krause
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    Zitat Zitat von Ingo
    Eine Schande das der rest des Forums es unkommentiert vor sich hin vegetieren lassen wollte
    ich hab es schon mehrmals gelesen und dann doch nicht kommentiert, weil ich einfach keinen Plan hab - wie gesagt, der Inhalt ist schwerzu fassen aber zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich fest entschlossen war, es im Notfall von Seite 2 wieder hochzuholen, egal ob ich den Inhalt verstehe oder nicht

    aber jetzt stehe ich wenigstens nicht alleine da, also los :
    zunächst möchte ich loswerden, dass ich die Form interessant finde, sehr sogar - ich habe ja schon einige Sonettschändungen gesehen (ob nun bewusste oder gar unbewusste), aber die hier ist definitiv eine der originellsten (da ich mal davon ausgehe, dass sie bewusst ist )

    Zum Inhalt: tja, da kann ich nur vage vermutungen anstellen. also für mich ließt sich das ganze als eine art gesellschaftskritik der ganz bösen sorte. sehr krasse Formulierungen, die schon fast wieder lustig sind, z.B.:
    der Magister lässt ein Scheisshaus bilden.
    eine derbe fekalsprache als Stilmittel? warum nicht - ich denke, es passt.
    der Vers verdeutlicht einen krassen Gegensatz: ein Magister ist eine intellektuelle Person - und wird hier in zusammenhang mit einem ordinären scheißhaus gebracht.
    Aber auf zu viele kleine Stellen möchte ich gar nicht eingehen, denn mit den meisten kann ich nicht viel anfangen. Im großen und ganzen, mal ganz grob zusammengefasst: Die Menschen sind parasiten (der vergleich mit den Fliegen) - auf widerliche art und weise ernähren sie sich von anderen dingen/lebewesen, um zu existieren und haben noch nicht mal ein schlechtes gewissen: sie singen dabei noch frech und werden immer fetter, bis sie sich schließlich ins verderben stürzen und es noch nicht mal mitkriegen, oder es sogar ignorieren.

    Ich ducke mich schon mal vorsorglich weg und hoffe mal, dass das nicht ganz so falsch ist
    auf jeden Fall lesenswert, schon alleine durch diese gekonnt düstere Stimmung (zu der auch wunderbar der Titel passt) - auch wenn man erstmal nichts rafft


    Sag nichts dagegen, gewiß, Du kannst alles widerlegen, aber zum Schluß ist garnichts widerlegt. (F. Kafka - Das Schloß)

  4. #4
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    Blutsturz

    Hallo Satchmo.
    Ein Gedicht, das so erschreckt, das es schon wieder gefällt.
    Die Idee mit dem 3/4 Sonett finde ich gut - kannte ich in dieser Form noch nicht. Oder doch? Ist jetzt irrelevant. Die Idee gefällt.
    Spezifisch möchte ich gar nicht auf jeden Vers eingehen; man könnte darüber wohl einen Roman schreiben.
    Zusammengefasst sehe ich hier den selbst verschuldetetn Verfall der Menschheit. Ich sehe diese Auffassung in Worten, Sätzen wie "Scheibenkleister" ( ich nehme dieses Wort wörtlich und denke, dass einst Zusammengefügtes wieder zersplittert - wenn man die Scheiben darauf bezieht, dann erinnert es zum Beispiel an eine Kriegsszene), "der Magister lässt ein Scheisshaus bilden" (nicht einmal die "Höheren" können diesem Verfall trotzen - verkehrte Welt, Chaos), "fressen[...]durch.[...]Augenknochen(assoziere ich mit Blindheit, die langsam aber sicher kommt), "Fliegen" (sie sind oftmals bei totem Fleisch vorzufinden: Kannibalismus?), "singen frech Sonate" (Freude an dem Verfall = Wahnsinn) und "Weltenende" (damit wäre alles gesagt ).
    Die Atmosphäre ist genial geschaffen aufgrund der fast schon ekelhaften Wortwahl. Ein sehr interessantes Werk, dass ich sehr gerne gelesen und kommentiert habe.
    Ich kann nur noch mein Lob darbieten.
    Liebe Grüße,
    Kugel
    "Kunst ohne Ethik ist Kosmetik"
    (Marina Abramovic)

  5. #5
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    Hallo Ihr drei,

    Vielen Dank für eure Kommentare.

    Eines einmal vorneweg: Es ist kein "Satchmo". Jedenfalls nicht ein kompletter
    Wie unter dem Bild angeführt, entstanden Gedicht und Bild in Kooperation mit einem Kollegen. Mit seinem Einverständnis habe ih es hier einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht um zu sehen, wie es ankommt.


    Es freut mich zu sehen, dass das Stück offenbar Anklang unter euch findet und dass sogar einige unserer Gedankengänge beim Schreiben hier wiederkehren.

    Wie immer möchte ich jedoch nichts vorne- (oder auch hinten-) weg nehmen, da ein Gedicht stets auf den Leser wirken sollte, wie er es versteht.

    In gewisser Weise - das möchte ich noch zufügen - gehört das Bild dazu.
    Immerhin sind Bild und Gedicht in "Symbiose" und zur gleichen Zeit entstanden.

    Ich wünsche euch ein schönes Wochenende

    LG
    Satchmo
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  6. #6
    November_Rain Guest
    hallo lieber satchmo-
    hui, welch düstere stimmung, endzeit, hiervon ausgeht! diese atmosphäre vermittelst du toll in deinem gedicht, wenn mans mit flüsterstimme liest schauderts ein wenig, und ekel schwingt auch mit...
    DAS hier passt irgendwie besonders gut in heutige zeiten, scheinheiligkeit, elendige...:
    Gläubig verzehren sie der Erde Schweine.
    kurz und bündig: einerseits bin ich etwas überfordert bzgl. inhalt, andererseits bin ich erschüttert von den schrecklichen gedanken, die deine worte in meinen kopf zu jagen vermögen- das ist wahnsinn!
    schon allein der titel, "blutsturz"- ahhh... das zieht einfach an und bringt schon ein wenig unheil mit sich!
    insofern: wow! ich werd wohl auf der suche nach der vollkommenen erleuchtung noch öfters mal wiederkehren... bis dann!

  7. #7
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    Hallo November_Rain,

    Es freut mich, dass Dir das Stück gefällt und auch, dass es dich beunruhigt. Das ist gut so, denn so soll oder sollte es sein.

    Was den Inhalt angeht, so kannst Du natürlich gerne das Stück einfach in Assoziationen auf Dich wirken lassen, ohne den Inhalt auf den Buchstaben genau ergründen zu müssen

    Schöne Festtage usw
    LG
    Satch
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