Thema: Traumesketten

  1. #1
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    Traumesketten

    Traumgebilde steigen aus dem Nebel,
    der die Sphären deiner Welt umhüllt.
    Stimmenwirrwarr flüstert meine Nähe,
    doch die blauen Schwaden sind zu trüb.

    Ungehört verhallen meine Rufe
    In den Tiefen deiner Dunkelheit.
    Meine Flüsse zeichnen leise Spuren,
    führen dich aus schwarzen Nächten heim.

    Nun lege ab die düstren Schleier
    Und reiß die Weltenwände ein!
    Ich helf’ dir deinen schwachen Leib
    Von diesen Fesseln zu befreien.
    demon_wolf: "Venya, wenn du ein Schiff wärest, wärst du die Titanic."

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  2. #2
    Johan Guest
    Hallo Venya,

    da bin ich auf einen Schatz gestoßen, der den Leser sehr persönlich anspricht. In behutsamen, gleichwohl aufmunternden Worten hast du deine Gedanken so klar übertragen, als sei eine Sternschnuppe vorbeigezogen.

    Deine Stimme beim Vortragen unterstützt in ihrer Intensität deine Zeilen. Sie inspiriert, dein Gedicht in Reimform zu bringen. Darf ich es versuchen?

    Nebeltraumgebilde steigen aus den Sphären deiner Welt.
    Nahe Stimmen dort im Reigen trüben blau das Himmelszelt.

    Ungehörte Rufe hallen tief in deinem dunklen Hag.
    Leise Spuren meiner Flüsse leiten dich zurück zum Tag.

    Leg nun ab die dunklen Fäden, reiss die Weltenwände ein.
    Nimm die Hilfe meiner Reden, dich von Fesseln zu befrein.

    Habe ich damit in etwa den Sinn deiner Verse getroffen?

    Lieben Gruß

    Johan

  3. #3
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    leider geht bei deinem Versuch die ursprüngliche Struktur des Gedichtes völlig unter, da weder der metrische Bruch noch die Assonanzen in deiner Version auftauchen. Auch geht vor allem in der ersten Strophe ein Teil des Sinnes, den ich beabsichtigte, verloren.
    Dennoch danke für deinen netten Kommentar und deine Mühe.
    Liebe Grüße,
    Venyaluna
    demon_wolf: "Venya, wenn du ein Schiff wärest, wärst du die Titanic."

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  4. #4
    Johan Guest
    Dann entschuldige bitte, Venya, meine Einmischung. Man kann sich ja mal vertippen, oder?

    Lieben Gruß

    Johan

  5. #5
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    Traumesketten

    Liebe Venya,
    da ich ja bereits dieses Gedicht mit deiner Stimme geniesen durfte,
    kommt nun - wie versprochen - eine kleine Analyse, um zu schauen,
    ob mir deine Stimme alle Sinne und auch meinen Anspruch verwirrt hat.

    Traumgebilde steigen aus dem Nebel,
    der die Sphären deiner Welt umhüllt.
    Stimmenwirrwarr flüstert meine Nähe,
    doch die blauen Schwaden sind zu trüb.


    XxXxXxXxXx
    XxXxXxXxX
    XxXxXxXxXx
    XxXxXxXxX

    Das lyrische Ich ist in den ersten zwei Versen lediglich ein Beobachter.
    Ersehntes, Ideale, Gedanken, welche erschaffen wurden (= „Traumgebilde“),
    entsteigen dem Nebel, sodass anzunehmen ist, dass sich jene Handlung
    von dem Beobachtungsstandort des lyrischen Ichs aus weiter Ferne befindet.
    Außerdem assoziiere ich Nebel mit Orientierungslosigkeit, mit etwas Undefinierbarem,
    das für den ersten Blick nur vage wahrzunehmen ist.
    Dieser Nebel umschließt die Hülle (= „Sphäre(n)“) der Welt des lyrischen Du
    (daraus schließt sich, dass jene Traumgebilde vom LD stammen).
    Das „Stimmenwirrwarr“ ordne ich ebenfalls dem LD zu, der innere Zerrissenheit,
    die ganz schwach signalisieren (wollen), dass das LI in Reichweite sei,
    jedoch scheinen die Grenzen zwischen Realität und Traumgebilde von „Schwaden“ bezogen zu sein.

    Ungehört verhallen meine Rufe
    In den Tiefen deiner Dunkelheit.
    Meine Flüsse zeichnen leise Spuren,
    führen dich aus schwarzen Nächten heim.


    XxXxXxXxXx
    XxXxXxXxX
    XxXxXxXxXx
    XxXxXxXxX

    In der 2. Strophe ist das LI nicht mehr ein stummer Beobachter,
    sondern ein Agierender („Rufe“), aber all die Mühen, das LD zu erreichen
    in seiner Zurückgezogenheit (= „Tiefen deiner Dunkelheit“), scheinen vergebens(„ungehört“)
    und verlieren sich im Raum („verhallen“). Zwar bildet sich eine Wendung in Vers 7 und 8,
    aber sie wird nicht betont mit Worten wie „aber, jedoch ect.“, sodass anzunehmen ist,
    dass es erst ein Anfang ist.
    Auf jeden Fall erscheit mir hier das LI wieder passiv, schließlich sind es „nur“ die „Flüsse“
    (passt wunderbar zum Nebel), die dem LD die Wege aus den Nächten der Gedanken herausführen.
    Somit ist die eigentlich erwartete, verbale Markierung der Wende irrelevant und so zu erklären.
    Und hier kommt mir gerade ein Gedanke: Der meiste Nebel hat seinen Aufenthaltsort bei Gewässern.
    Die hier angesprochenen Nebel stammen vom LI, so nehme ich an, dass das LI die Nebel
    sowohl verursacht als auch wieder indirekt wieder gelüftet.
    Ist das LI hier der `Täter` des Dilemmas?
    Ich denke schon…

    Nun lege ab die düstren Schleier
    Und reiß die Weltenwände ein!
    Ich helf’ dir deinen schwachen Leib
    Von diesen Fesseln zu befreien.


    xXxXxXxXx
    xXxXxXxX
    xXxXxXxX
    xXxXxXxXx

    Interessant ist in dieser Strophe besonders die Metrik.
    Ebenfalls die Zugehörigkeit der Assonanzen (vorher: abab cdcd / jetzt: effe) wechselt
    und bildet nun eine Umarmung, wobei sie in den vorigen Strophen an einem Kreuzreim erinnern
    bzw. es auch waren. Hier unterstützen ebenfalls die Kadenzen den Inhalt zum Beispiel die Anforderung in S3V2.
    Erst in dieser Strophe findet die eigentliche inhaltliche Wende – unterstützt von der Metrik.
    Das LI fordert das LD direkt auf („reiß […] ein!“), die Mauern der zwei getrennten
    Mentalitäten (=“Weltenwände“) zu vernichten. Losgelöst von der Beobachterrolle,
    verspricht das LI – nicht von irgendwelchen, sondern genau von „diesen“ (V4) – „Fesseln zu befreien“
    und somit besteht die Hoffnung auf ein gutes Ende. Ob sich das LD schlussendlich
    auch wirklich helfen lässt, diesem Gefängnis zu entkommen, bleibt in diesem Gedicht offen,
    aber es ist anzunehmen, da es bereits den „Spuren folgt“ (S2V3).

    Puh, welch ein gut durchdachtes Gedicht, Venya. Inhalt und Metrik passen perfekt zueinander
    und keines der beiden verfällt dem anderen (und daran scheitern ja leider manche Gedichte).
    Wenn es nicht in der Rubrik Gesellschaft stehen würde, hätte ich hier ebenfalls eine Liebe,
    die Zuneigung zweier Menschen reininterpretatiert.
    Aber der Grad zwischen Liebe und Gesellschaft ist ja nicht alllllzu entfernt.

    Inhaltliche Zusammenfassung und Eindrücke: Ich halte mich -eventuell ein wenig zu -
    stark an "meinen Flüßen" in Strophe 2. Wenn ich dieses Gedicht und meine Gedanken drauf baue,
    dann sehe ich hier, dass das LI Schuld trägt an der Verblendung, der Traumwelt des LD.
    Dieser Fehler wurde jedoch erkannt und nun will das LI dieses Ketten brechen.
    Aber wie bereits oben gesagt, ich klammere mich wahrscheinlich zu sehr an diesem "meine Flüsse".
    Ich hoffe, dass du mich aufklärst...
    Aber ich kann sagen, dass mir dieses Gedicht sehr gefällt.
    Die Atmosphäre "vernebelt" mich förmlich. Gute Arbeit, Venya.
    Du hast dir mein Lob redlich verdient.
    Ganz liebe Grüße von der Frei(en)bürgerin,
    Kugel
    Edit: Etwas will sich mir nicht entschlüsseln lassen. Weshalb sind in S2V2 und S3 die Anfänge groß
    geschrieben und der Rest klein? Kleiner Fehler oder steckt mehr dahinter? - Jetzt bist du dran, Venya.
    Geändert von Kugel (09.12.2006 um 18:15 Uhr)
    "Kunst ohne Ethik ist Kosmetik"
    (Marina Abramovic)

  6. #6
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    Hallo Kügelchen,
    tausend Dank für die Mühe, die du dir mit meinem Gedicht gemacht hast. Ich bin sehr froh, dass du die Veränderungen in der dritten Strophe als Absicht erkannt hast.
    Deine Interpretation ist sehr interessant, auch wenn sie mit meiner Intention nicht wirklich übereinstimmt, darüber haben wir ja neulich im chat gesprochen...

    Liebe Grüße,
    Venyaluna
    demon_wolf: "Venya, wenn du ein Schiff wärest, wärst du die Titanic."

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  7. #7
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    Hallo Cory
    Leicht lässt sich nicht dingfest machen, was hier präzise deiner Intention entspricht. Eher lässt du eine Vielzahl verschiedenster Interpretationen zu, was das Gedicht zusätzlich reizbar macht und wodurch irgendwo auch ein mehrmaliges Durchlesen überhaupt erst sinnvoll und spaßig wird.

    Diese schwer greifbare Flüchtigkeit wird durch den mit assonanten Reimen verstärken Nebel hier zwar auch ausgedrückt, aber den Charakter nehme ich doch anders wahr als die Kugel. Der Nebel wirkt für mich weniger verschleiernd und mystisch als vielmehr abkapselnd und bedrückend schwer. Die Täuschung ist dabei eher Mittel denn Selbstzweck. Das LD ist geradezu autistisch in eine Parallelwelt abgetaucht. Dabei ist es selbst ein Gefangener, der aber wie durch getönte Scheiben von außen sichtbar ist, aber in seiner Wahrnehmung nach außen beschränkt ist.

    Ein wenig mystisch und geradezu synästhetisch wird es dann aber schon, die ungehörten Rufe des Stimmenwirrwarrs deuten eine Nähe an, Flüsse (Redeflüsse? Wege von Tränen, die zu den Augen des LI führen, die die sehende Wahrheit symbolisieren? Wer weiß...) hinterlassen sichtbare spuren. Physik, Akustik, Optik. Die Nebelwand trennt alle Sinnebenen und wird doch irgendwie überwunden.

    Auf die umarmende Besonderheit der dritten Strophe ist die Kugel ja schon eingegangen, ich habe da nur noch zu ergänzen, dass sich die Überwindung der Ferne und die Vereinigung der beiden Protagonisten zusätzlich durch eine Verdichtung des Zusammenhangs der Verse tritt. Aus verschiedenen Assonanzen wird hier eine einzige (ei) und aus Assonanzen sogar ein Reim (ein, ei(e)n). Die Verse rücken in ihrer Verwandtschaft also näher, analog zur größer werdenden Nähe, die durch die versprochene Hilfe zur Selbsthilfe entsteht.

    Wie kann sich diese Situation nun konkretisieren? Welche Schemen verbergen sich hinter dem Nebel? Es würde wohl den vielfältigen Auslegungsmöglichkeiten des Gedichtes unrecht getan, wenn ich mich jetzt auf eine bestimmte, ganz gewöhnliche Situation festlege. Vorstellbar wäre das Phänomen, dass Komapatienten trotz kaum messbarer Hirnaktivität trotzdem noch wahrnehmen. Denkbar wäre eine fatale Drogensucht (Crack, Hasch, ordinäre Zigaretten, irgend etwas tabakartiges - man denke an die blauen Schwaden). Am wahrscheinlichsten ist aber vor allem eine geradezu hermetische Trennungskonstellation, die against all odds überwunden wird. Auf welches Beispiel man diese Gefühlsbeschreibung dann anwendet, ist letztlich unerheblich.
    Geändert von konn0r (11.12.2006 um 01:22 Uhr)
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