Thema: Oktobermorgen

  1. #1
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    Oktobermorgen

    Ich habe solchen Herbst noch nicht erlebt.
    Die reifen Früchte brechen fast die Schale.
    Und wie ein Meisterdirigent erhebt
    jetzt die Natur den Taktstock zum Finale.

    Die gold'nen Birken sind vom Schlaf erwacht
    und wiegen sich im strahlend blauen Morgen.
    Doch im Kastanienbaum hängt noch die Nacht,
    ein alter Rabe krächzt als hätt' er Sorgen.

    Der kleine Bach trägt Blätter in das Tal,
    so vielgestaltig ist die bunte Flotte.
    Auf einer Bank sitzt schweigend Opa Grahl
    und denkt voll Schwermut an die Zeit mit Lotte.

    Der Herbst, so sagte man mir immerzu,
    sei eine Zeit für uns, sich zu besinnen...
    Ich schüttle ein Stein aus meinem Schuh,
    und denke voller Lust ans Neubeginnen.
    Geändert von comiculus (03.12.2006 um 13:36 Uhr)

  2. #2
    yaira Guest
    Hallo comiculus,

    ein nettes Herbstgedicht, wie ich finde, an dem mich nur Kleinigkeiten stören.

    Die gold'nen Birken sind vom Schlaf erwacht
    und wiegen sich im strahlend blauen Morgen.
    Gold und strahlendes Blau innerhalb von 2 Versen ist ein wenig viel. Herbstgedichte sind meist so furcchtbar farbüberladen.

    Die Namen in S3 sind mir zu sehr als Reimpartner gesucht. Das nimmt dem Ganzen etwas, weil es wirkt, als wäre gerade eben nichts Besseres greifbar gewesen.

    Ich schüttle ein Stein mir aus dem Schuh,
    Hier hakt die Metrik: Mein Vorschlag: "ich schüttle einen Stein aus meinem Schuh".

    Grüße
    yaira

  3. #3
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    Oktobermorgen

    Hallo comiculus,
    ein zauberhaftes Gedicht. Herbststimmung voller Optimismus, das liest man wirklich selten.
    Der Lesefluß geschieht melodisch (bis auf: Ich schüttle einen Stein ...),
    die Bilder sind hervorragend, sie prallen dem Leser fast entgegen.
    Gern gelesen und "besenft".
    Liebe Grüße
    Dana
    Die Seele ist kein Wasser, dessen Tiefe gemessen werden kann. (ind. Sprichwort)

    - Ich bin umgezogen. Meine neue Zuhause-Seite ist in meinem Profil zu finden -

  4. #4
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    Hallo diechallenger,
    über diesen Sommer 2006 habe ich keins geschrieben, war mir einfach zu trocken, aber in meinem Archiv ist sicher noch einiges aus den vergangenen Sommern. Dieses Jahr sind einige Frühlingsgedichte entstanden, die ich bald vorstellen werde, wenn mir nicht doch noch der Winter dazwischen pfuscht.
    Herzliche Grüße, Comiculus

    Hallo Yaira,
    danke für die ausführliche Meinung. Ja, Du legst genau den Finger auf die Wunden, völlig richtig. Der Übergang von der Naturbeschreibung zum Menschlichen wird tatsächlich durch die Namen etwas gestört – mir fielen keine anderen ein, zumal unser Nachbar zu diesem Zeitpunkt tatsächlich seine Frau Lotte verloren hatte. Er heißt aber Grabowski, was sich schwer verreimen lässt.
    Unzufrieden bin ich auch mit dem Wort „schüttle“, Deine Lösung mit „meinem“ ist aber besser.
    Die Farbenpracht stört mich persönlich nicht so, ich hab’s einfach so empfunden. Es ist ja auch eigentlich ein fröhliches Gedicht, wie Dana (Danke auch Dir) es bemerkt. Nur liegen eben Freud und Leid dicht beieinander...

    Schönen Sonntag Euch allen!
    Comiculus

  5. #5
    königindernacht Guest
    Dieses Gedicht begeistert mich als Naturlyrikerin sehr(auch wenn ich Zeile drei und vier aus Strophe drei nicht so mag, kitschen ein wenig.).

    Es fließt einfach, fängt lebhaft tanzende Bilder ein, atmet die Jahreszeit und steckt voller purer Lebensfreude. Hoffentlich gibt es bald mehr solcher Gedichte von dir,

    herzlichst, KÖ

  6. #6
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    Hallo Königin,
    freut mich, daß Dir mein Gedicht gefällt. War irgendwie ein Glücksmorgen dieser Oktobermorgen. Bin sonst eigentlich mehr der Komiker, wenn es um Jahreszeitliches geht,werde entsprechende Frühlingsgedichte bald vorstellen, wenn nicht doch noch der Winter dazwischen kommt.

    Herzliche Grüße, comiculus

  7. #7
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    Hi comiculus,

    scheinbar hat dein Name was für sich, denn ich musste wirklich lächeln, als ich deine Zeilen gelesen habe. Du rollst diesen Herbst von einer ganz anderen Seite auf. Zuerst dachte ich, dass mich die Stelle mit dem an Lotte denkende Opa stört, aber jetzt finde ich, sie passt eigentlich gut ins Gesamtbild.

    Gern gelesen und liebe Grüße
    Eva
    EvaAdams

    (c) Mein Werkverzeichnis: Unterm Feigenbaum = überholungsbedürftig, aktuelles bitte unter Profil nachsehen


    Die WÖRTERWUNDERTÜTE ist da!

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  8. #8
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    Hallo comiculus

    obwohl ich deinen wirklich ulkigen nick eher zwischen Erotik und Humorvolles ansiedeln würde , scheinst du auch eine feine Begabung für sinnvolle Naturgedichte zu haben.

    Schon mit der ersten Strophe konntest du mich spontan für dich einnehmen, denn sowohl die üppigen, Schalenbrechenden Früchte wie auch der Meisterdirigent, der jetzt seinen filigranen Taktstock zum Anblasen des Finales erhebt, wissen zauberhaft zu gefallen, einfach nur schön.

    In S2 dann nicht minder überzeugende Bilder, von denen mir die in Z3 und Z4 besonders gut gefallen, wobei der scheinbar aus Sorge krächzende Rabe einen Touch Humor mit hineinbringt.

    In S3 wechselt nun das Geschehen, indem du als Stilmittel den trauernden Menschen mit hinein nimmst, was für meine Begriffe zwar etwas vom Thema abweicht, doch angesichts der dem Herbst auch zugeschriebenen Konnotation des Besinnlichen, durchaus noch legitim erscheint.

    Die in S4 anklingende Distanzierung des LI von der einseitigen Belastung des Herbstbegriffes mit "Besinnlichkeit" wird sinnfällig mit dem Ausschütteln des Steins aus dem Schuh und der gedanklich-lustvollen Hinwendung an den Neubeginn sehr schön umschrieben und gibt dem Gedicht einen positiven Ausklang, verdeutlicht es doch die optimistische Grundhaltung des LI, das sich nicht von der allgemeinen melancholischen Stimmung abhängig machen lassen möchte.

    Habe dein Gedicht sehr gerne gelesen und mich in seiner stimmigen Atmosphäre wohlgefühlt.

    Liebe Grüße
    crux
    Geändert von crux (06.12.2006 um 12:40 Uhr)

  9. #9
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    Hallo Eva, hallo crux,
    vielen Dank für Eure detaillierten Meinungen zu meinem Gedicht, habe mich sehr drüber gefreut. Ja, das Große und Ganze und das Kleine und Triviale liegen oft eng beieinander und ich war anfangs auch im Zwiespalt, ob das Umschalten von den naturbegeisterten Bildern auf das ganz Menschliche überhaupt geht, aber genau das war auch das Reizvolle für mich, diese Kurve zu kriegen. Aber so ist das Leben: das eine geht zu Ende und das andere hat Kraft und Lust zum Neubeginnen.

    Vielen Dank Euch beiden und herzliche Grüße von comiculus

  10. #10
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    Hallo comiculus!

    Ein Herbstgedicht der 'anderen' Sorte...gelungen, erfrischend..
    welches ich in vollen Zuegen genossen und mehrmals mit Vergnuegen gelesen habe.

    Mir gefaellt besonders gut, wie das lyrIch am Anfang sein Staunen und die Bewunderung ueber das praechtige Naturschauspiel wiedergibt, dann ein wenig traurig ueber Opa Grahl erzaehlt und sich dann sozusagen von seinen Betrachtungen losreisst und sich mit erwartungsvollem Blick in die Zukunft auf den Fruehling freut.
    Die Kurve mit dem 'Stein aus dem Schuh' schuetteln hier zu kriegen und damit den Schlusssatz einzuleiten, hat mir imponiert.

    Du hast es verstanden, Dich nicht in schwuelstigen Elegien zu verzetteln, alles ist gut ausgewogen.
    'Opa Grahl und seine Lotte' wurden von einigen Lesern als etwas unpassend
    empfunden, ich finde, sie passen ausgezeichnet in Dein Gedicht.
    Die Natur bettet sich im Herbst zur Ruhe, der Mensch ebenfalls... im Herbst des Lebens.

    Strophe 3 ist meine absolute Lieblingsstrophe.
    Und hier mein highlight:
    'Der kleine Bach traegt Blaetter in das Tal,
    so vielgestaltig ist die bunte Flotte....'
    Hier leitest Du geschmeidig von Z1, die noch leicht melancholisch angehaucht ist, ueber ins Froehliche, mit dem huebschen Gutelaunebild der 'bunten Flotte'.

    Ein paar Kleinigkeiten zum Formellen:
    S1 Z1...'ich habe solchen Herbst noch nicht erlebt' kommt ein wenig verkorkst einher, liesse sich locker beheben mit:
    'Ich hab solch einen Herbst noch nicht erlebt'...oder
    'Solch einen Herbst hab ich noch nicht erlebt'...

    S4 Z3...hier nehme ich an, dass Dir ein Fluechtigkeitsfehler unterlaufen ist, von meinen Vorrednern schon aufgezeigt und berichtigt worden.

    Summa summarum: ein sehr ansprechendes Werk. Daumen hoch von mir.

    Mfg
    Lailany

  11. #11
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    Hallo Lailany !

    Vielen Dank für's Lesen, ausfühliches Besprechen und natürlich auch für's Wohlfühlen mit meinem "Oktobermorgen". Ich freue mich über das Lob und die vielen unterschiedlichen Eindrücke, die das Gedicht bei Dir und den anderen Autoren dieses Boards hinterläßt, aus denen sich wertvolle Hinweise und der Ansporn zum Weitermachen ergeben. Diese Rückmeldungen bekommt man sonst kaum, dafür bin ich allen hier, und insbesondere auch Dir, sehr dankbar.

    Liebe(r) Lailany, den Anfang möchte gern so lassen, obwohl Deine Argumente was für sich haben. Ich finde es aber von der Melodik her so geschmeidiger.

    Herzliche Grüße, comiculus

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