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    Post Hörst du mich?


    -Sie war 14 und verdammt hübsch
    ...verdammt hübsch und viel zu jung um zu sterben.-



    Es war ihre Woche. Auf einer Party hatte sie ihn kennengelernt: Marcel, diesen Jungen aus der Nachbarschaft. Er war etwas älter als sie, sportlich und... auf einer anderen Schule. Das war allerdings kein großes Problem. Sie hatte schon von vielen Beziehungen gehört, die daran gescheitert waren, weil man sich den ganzen Tag über in der Schule sah, weil man sich nervte.

    Darum fand sie es ganz gut, dass ER nicht bei ihr auf die Schule ging.

    Vielleicht würde es ja was mit ihm werden.

    Jedenfalls hörte er sich am letzten Samstag nicht so an, als würde er sich von ihr angeekelt fühlen.

    Außer der Sache mit Marcel, waren da noch viele ganz andere Sachen in dieser Woche:

    Zum Beispiel war sie das erste Mal mit der Szene-Gang in ihrem Viertel in der Disco gewesen und hatte sich einmal so richtig gut amüsiert.

    Die Noten, die diese Woche festgelegt und verkündet wurden, waren bei ihr auch recht aussichtsreich und der Praktikumsplatz für nächstes Jahr, der ihr erstens DIE Chance bat, sich aufs Berufsleben vorzubereiten ohne die ganze lästige Lernerei und Arbeiterei und zweitens ihr absolutes Hobby verkörperte, nämlich Musik, war ihr diese Woche ebenfalls zugesagt worden.

    Es hätte eigentlich die perfekte Woche werden können, doch auf dem Weg ins absolute Glück kann sich plötzlich alles ändern.

    Vom höchsten Glücksgefühl ein Sturz in absolute Leere.



    Sie wollte gerade zu Maren gehen, als das Telefon klingelte.

    Marcel war dran. Kaum zu glauben.

    Er wollte wissen wie es ihr geht?! Was? Gut natürlich, überhaupt keine Frage, er hatte sie doch angerufen. Es musste ihr also gut gehen.

    Er fragte, wann sie morgen Schule hätte.

    -Wann hast du denn? - zur Ersten? - Ich auch!

    Na klar! Zur Ersten! Warum nicht? Hatte sie doch eigentlich zur Zweiten ... egal, wenn jemand wie Marcel sie fragte wann sie Schule hatte, so musste sie zur Ersten haben, sie wollte ihn doch begleiten, ansehen, anschwärmen ...

    von ihm ... träumen.

    Sie hatte überhaupt keine Ahnung, was sie sonst noch gesagt hatte, war es ihr doch völlig egal. Hauptsache sie würde ihn sehen.

    Da hatte sie etwas zu erzählen, wenn sie jetzt gleich bei Maren vorbeischauen würde.







    -Paulson- tönte es aus der Gegensprechanlage am Haus ihrer Freundin und Julia schrie zurück: „Post für Maren. Ein ganzer Eierbecher voller Rosen von ihrem heimlichen Verehrer!“ Maren grinste, als sie die Tür aufschloß. Sie grüßte ihre Freundin mit den kühlen Worten: „ Das nächste Mal lasse ich zu, du Dumme.“

    Beide gingen in die Wohnung und Julia fing gleich an zu erzählen.

    „Dich hat’s aber ganz schön erwischt!“ meinte Maren, als Julia endete und sah welch zweifelndes Gesicht ihre Freundin für sie bereit hatte.

    Zweifelnd fragte Maren: „ Meinst du wirklich, der wär’s?“

    „ Na klar! Der ist klasse. Der hat wenigstens ein bißchen Benehmen, nicht wie andere Leute.“ und dabei schaute sie Maren herausfordernd an.

    Als die beiden Mädchen so Gesichtsausdrücke austauschten, mussten sie beide anfangen zu lachen und jeder dachte sich, Jungs seien schon eine Sache für sich.



    Der Tag bei Maren war recht cool gewesen. Sie hatten über Jungs philosophiert, Eis gegessen, Musik gehört und den Tag in vollen Zügen genossen. Die letzten Tage vor den Zeugnissen waren immer sehr amüsant, da keiner der beiden nach dem nach Hause kommen die vielen Hausaufgaben vor sich hatte.

    Man konnte sich ausgelassen darüber unterhalten, auf welche Party es das nächste Mal gehen sollte und musste sich nicht auf lästige Arbeiten und Tests vorbereiten. Maren wohnte nur zwei Straßen weiter und so liefen sie fast jeden Tag zusammen zur Schule. Nur morgen würden sie nicht zusammen laufen.

    Da Julia ja ihre wahnsinnig wichtige Verabredung hatte.



    Am nächsten Morgen stand Julia schon vor dem ersten Weckerklingeln auf, sie freute sich riesig und wollte auf keinen Fall zu spät kommen.

    Draußen wartete Marcel bereits und begrüßte sie freundlich mit einem süßen Lächeln und den wundersam verzaubernd klingenden Worten: >„Hi Julia!“<.

    Sie liefen zum Busbahnhof, Julia langsam und bloß nicht schneller werdend, wollte sie doch möglichst lange bei ihm sein, Marcel angepaßt aber doch mit großen, starken, ja gerade zu mächtigen Schritten.

    War er nicht toll???

    -Julia bist du noch da? Hörst du mir überhaupt zu?-

    -Ja! Was hast du gerade gesagt?-

    Es war ihr peinlich, dass sie so verträumt und abwesend war.

    Was erzählte er ihr da eigentlich die ganze Zeit?

    Er war wohl ziemlich in seinen komischen Sport, Basketball, vernarrt.

    Er erzählte ihr die ganze Zeit von irgendeinem großen Match, das sie unbedingt gewinnen mussten, da es um irgendeinen Pokalsieg ging.

    Wunderbar interessant!

    Ach, fast hätte sie es vergessen. Sie wollte ihn doch zu Marens Party nächste Woche einladen.





    „ Du, Marcel,...“

    „ Ja!“

    „ Am Freitag nächste Woche steigt `ne Riesenparty bei Maren und alle sind eingeladen. Schon von gehört?“

    „ Ja, aber ich glaube nicht, dass sie mich einlädt.“

    „ Doch, doch. Na klar bist du eingeladen. Wenn sie dich nicht einlädt, tu ich es halt hiermit!“

    „ Oh, danke. Welch Ehre! Ich komme wirklich gern!“

    Gern?! Woah Er hatte gern gesagt.

    Sie war nun der festen Überzeugung, dass dieser Abend, der schönste aller Abende in ihrem Leben werden würde.



    -Nun, der schönste war es vielleicht nicht geworden, dafür aber der letzte....-



    Julia dachte in diesem Moment von Marcel er sei: er habe:

    -15- -keine Freundin-

    -Jungfrau- -nette Eltern-

    -unbescholten- -nichts zu

    -nett- verbergen-

    -treu- -keinen Grund

    -süß- sich zu sorgen-

    -intelligent-

    und ...



    Maren wollte, dass Julia diesen Freitag schon früher käme und so stand sie um 14 Uhr vor Marens Haustür und wollte gerade wieder einen ihrer flotten Sprüche an Marens Gegensprechanlage ablassen, als sie unterbrochen wurde:

    „ Ich weiß, dass du es bist, Juli, also halt die Klappe und warte einen kleinen Moment.“

    „OK“ entgegnete Julia nur und wartete wie befohlen.

    Als Maren ihr die Tür öffnete war Julia erstaunt.

    Wie sah ihre Freundin aus?

    Maren hatte sich bunte Luftschlangen in ihr sorgsam gemachtes Haar geflochten und sich geschminkt.

    Geschminkt?! Dickstens angemalt...

    Sie hatte überall Glitter im Gesicht und jede einzelne Wimper glänzte im Sonnenschein, dass es blendete, außer dass ihr Mund

    von der dicken Lip closs- Schicht erdrückt zu werden schien, strahlte den ganzen Abend über jedes einzelne Lächeln, das Maren über die Lippen glitt, wie damals ganz Tschernobyl. Sie sah schon etwas ausgeflippt aus, aber ...

    warum nicht?

    -Maren ich will auch so geschminkt werden!-

    - Ja klar! Komm rein!-



    Freude strahlend standen Julia und Maren dann gegen sechs an der Tür und begrüßten die ersten Gäste. Es war 17:46 Uhr und alles war noch in bester Ordnung.

    Karin und Steffi kamen wie Pfauen in die Wohnung stolziert und das war das einzige, das Julia wirklich störte.

    Karin war ja ganz in Ordnung. Wenn man sich allein mit ihr unterhielt war sie sogar richtig nett.

    Julia war sich sicher, dass Karin nur ab und zu so abdrehte, weil sie unter der Aura von Steffi stand. Steffi war dumm.

    Sie sah gut aus, keine Frage, doch dachte sie immer sie sei die Tollste, Schönste und überhaupt, die Beste.

    Sie war eingebildet und unfreundlich.

    Und hatte dauernd andere Typen.

    Das war es, wovor Julia momentan so Angst hatte. Wenn Marcel sie kennenlernen würde, würde er Steffi bestimmt eher wollen, als sie.

    Sie würdigte Steffi keines Blickes, grüßte karin und gönnte sich einen Drink.

    Yeah Cola!



    Nach 1-2 Stunden war die Party in vollem Gange.

    Alles tanzte, doch Julia saß in der Ecke und wartete...

    wartete auf Marcel.

    Da kam Maren, wie immer strahlend und glänzend auf sie zu, fragte was denn sei, sie würde unglücklich aussehen.

    Nein, wie kam das denn?!

    Julia klärte Maren über die Sache mit Marcel auf und die fing an zu lachen.

    Lachte sie da wirklich? Ihre beste, allerbeste Freundin? Darüber, dass sie ein Junge versetzte? -Bist du auf Speed oder so?- fragte Julia gereizt.

    „ Man Julia, der is´doch schon die ganze Zeit da. Hat Steffi dir nichts gesagt?“

    Moment, so langsam wurde sie ein wenig verwirrt. Hatte ihre Freundin eben >Steffi< gesagt?

    Kein Wunder, dass sie nichts davon wusste. Bestimmt hatte Steffi Marcel schon längst angebaggert und verführt.

    Da lag sie ja auch auf dem Sofa in der Ecke, knutschte mit ihm rum und befummelte ihn, ihren Marcel...- Hi, Julia!-

    Wer hatte da die selbe Stimme wie Marcel?

    Sie schaute aus ihren Gedanken auf und sah ... Marcel?! Wie das? Lag er nicht eben noch in Steffis (Fang-)Armen?

    Nein, er stand leibhaftig vor ihr und sie schaute sich sicherheitshalber noch einmal um.

    Steffi lag mit einem Jungen da, kein Zweifel. Nur wer war dieser jemand?

    Egal, hauptsache ihr Typ stand vor ihr...

    ...und fragte sie, ob sie mit ihm t.a.n.z.e.n.....tanzen??? würde?!

    -Ja, aber gern!-





    Es war der schönste Tanz in ihrem Leben, dachte sie.

    Er hielt sie fest (.. vielleicht ein klein wenig zuu..fest ) in seinen Armen und seine geraden zielstrebigen Schritte führten sie über die Tanzfläche.

    Zu sanften Tönen, die aus der Anlage tönten, bewegten sie sich taktvoll und verträumt über das Parkett und alles schien unwichtig. Nur dieser Tanz, dieser eine Tanz war wichtig... wichtig....



    und ehe sie sich versah saßen die beiden eng nebeneinander auf dem Sofa und schauten sich in die Augen.. tief hinein ... und ganz kurz hatte Julia den Eindruck, als wäre da etwas tief dunkles, fast schwarzes in seinen Augen zu sehen. Nicht die Farbe, sondern etwas weiter drinnen, tief drinnen in ihm.

    Sie verdrängte es und versank in seinen teils sanft, teils harten Küssen, die sie wie eine riesige Käseglocke umgaben.

    Sie versank und wachte erst viel, viel später auf.....



    Nachdem es die Runde gemacht hatte, Marcel und Julia seien jetzt zusammen, wurde angestoßen. Irgendein Trottel hatte diese glorreiche Idee gehabt und danach war für Julia alles vorbei. Sie hatte ZU viel intus und war wie ausgewechselt.

    Den verzweifelten Versuchen ihrer Freunde sie zu retten wich sie aus oder sie wurden durch eine starke, sehr starke Hand abgeblockt.

    Julia tanzte auf den Tischen und tobte durch die Räumlichkeiten, immer im Schlepptau Marcel, den es sichtlich erheiterte, wie Julia sich aufführte.

    Als Julia gerade auf einem der Tische Samba tanzte, schrie jemand: „Ausziehen! Ausziehen!“ und da reagierte Marcel dann wieder.

    Julia versuchte gerade sich das klatschnasse Hemd vom Körper zu streifen als Marcel eingriff.

    Er wollte wohl nicht, dass seine Freundin sich vor allen so offen zeigte.

    Maren und die anderen dachten deshalb, Julia ginge es gut wenn sie unter Marcels Obhut nach Hause gebracht werden würde.

    Sie vertrauten ihm, denn wer weiß was passieren könnte...

    ... passieren würde.... passieren sollte.



    Marcel verabschiedete sich freundlich und trug Julia halb, als sie die Straße herab gingen. Sie schaute ihn verträumt und... betrunken an.

    Sie lächelte und freute sich in seinen Armen „hängen“ zu dürfen.

    Er lächelte zurück, freundlich? zufrieden?



    Marcel führte sie über einige Umwege in Richtung Wald und sie fragte etwas lallend: „Wo sind wir, Schatz?“ „Ich wollte noch ein wenig spazieren. OK?!“ „Ja klar aber können wir uns nicht setzen mir ist kalt!“

    Sie suchten eine Bank oder etwas in der Art. SIE suchte so etwas.

    ER wußte genau, wo er hin wollte.



    Er lief immer weiter und Julia merkte es erneut.

    „ Wo willst du hin?“

    „ Es ist nicht mehr weit. Eine Gartenlaube für uns zwei allein!“

    Sie lächelte und hielt sich an seinem Arm fest.

    Sein Muskel spannte sich, als sie das tat und sie wunderte sich.



    Wenige Minuten später tauchte in der Dunkelheit eine kleine Hütte auf, eine Gartenlaube. Marcel steuerte direkt darauf zu und Julia immer hinter her.

    Er öffnete die Tür mit einem Dietrich.

    Julia bemerkte es nicht. Genauso wenig wie sie bemerkte, dass er sie hinter sich fest verschloß.

    Sie setzte sich und er machte Licht. Im Schein des Lichtes sah er aus, wie ein ... Vampir. Plötzlich fühlte sie Beklemmung und ein wenig Angst aufkommen und wurde langsam wach. Sie fragte sich, was sie hier wollten. Er setzte sich zu ihr und umarmte sie. Als er sie küssen wollte, wich sie aus und sagte, ihr wäre kalt.

    Ihr war kalt, aber das war nicht das Problem. Sie hatte nur Angst vor ihm, ihrem Freund. Er wollte ihren Hals küssen, doch sie wollte schon wieder nur weg. Er zog sie an sich, umklammerte sie regelrecht. Sie fragte, was das soll, sie hatte jetzt keine Lust zu schmusen. Doch er hörte sie nicht. Sie fragte erneut, diesmal lauter und nun wollte er ihr ans Hemd. Sie schob seinen Kopf zur Seite und wehrte sich. Sie fing an zu schlagen.

    Und in dem Moment blickte er auf, mit kalten, ausdruckslosen Augen. Kühl und starr blickte er sie an, böse !!! Sie brachte vor Schreck kein Wort mehr raus und da fing er an und grinste, fast als hätte er in den Augen groß geschrieben stehen:

    „Komm schon, du willst es doch auch!“

    Dabei schob er seine Hand an ihrem Schritt und sie schrie... schrie laut, aber zu leise, um gehört zu werden.... viel zu leise ...rgen wurde das Mädchen Julia Schäfer in der Gartenlaube vom Besitzer gefunden. Er rief die Polizei und Krankenwagen. Die Eltern waren erschüttert und verstört, als sie das Mädchen sahen. Marcel wurde gefaßt.

    Er hieß Georgio Helmann, war 17, elternlos und hatte schon oft Mädchen wie Julia genauso kennengelernt und vergewaltigt. Er wurde verurteilt, bekam aber nur die Mindeststrafe, da er minderjährig war zum Leid der Eltern.

    Der Besitzer der Gartenlaube fand Julia damals in einem schrecklichen Zustand: Die Haare zerzaust, lag sie halb erfroren in einer Ecke, noch war sie lebendig und der Mann glaubte sie gehört zu haben, wie sie versuchte zu schreien und dann verzweifelt stammelte:

    Willst du mich nicht hören??


    Ciao Eure
    Tren

  2. #2
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    Jun 2001
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    21

    Exclamation

    Wow...

    also wenn das Ziel dieser Erzählung war,
    jemanden zum Nachdenken anzuregen, dann
    ist dir das gelungen.

    Christian

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